Schätze aus dem Zweistromland

Artikel vom 01.07.2003  —  Autor: Merle Severy

Der große Sturm heult droben.../Vor dem Sturm brennen Feuer; das Volk seufzt.../In ihren breiten Straßen, wo die Feste gefeiert wurden, lagen sie verstreut... lag das Volk zu Haufen/"Weh meiner Stadt... Weh meinem Haus..."

Dies ist keine Klage über die Lage in Bagdad während des jüngsten Kriegs - sondern über die Zerstörung der Stadt Ur, der Überlieferung nach der Geburtsort von Abraham , dem Urvater von Christentum, Judentum und Islam . Sie lag im Delta von Euphrat und Tigris. Verfasst wurde der Text vor etwa 4000 Jahren. Mesopotamien, dem Zweistromland im Herzen des heutigen Irak, verdankt die Welt die Schrift, das Rad, unsere heutige Zeitrechnung mit der 60-minütigen Stunde, den 360-Grad-Winkel und das erste Gesetzbuch. Doch diese Region brachte auch Tyrannei und Schrecken hervor - in der Antike wie in der Moderne. Ihr Vermächtnis ist eine wohl einzigartige Mischung von schöpferischer und zerstörerischer Kraft.

Archäologische Funde belegen, dass der erste städtische Ballungsraum der Welt um 3500 v. Chr. in Mesopotamien entstand. Mitte des 19. Jahrhunderts erregte diese an verfallenen Städten reiche Region die Aufmerksamkeit europäischer Archäologen. Riesige Skulpturen von geflügelten Stieren und Flachreliefs mit Szenen der Löwenjagd und Belagerungen der Assyrer wurden ausgegraben und abtransportiert. Staunende Menschenmassen pilgerten ins Britische Museum in London und in den Louvre, um die Schätze zu sehen. Im 19. Jahrhundert schrieb der britische Abenteurer und Archäologe Austen Henry Layard ein Buch über seine Grabungen: "Auf der Suche nach Ninive". Es wurde ein sensationeller Erfolg.

Henry Rawlinson, ein anderer britischer Wissenschaftler, zeichnete eine dreisprachige Inschrift auf, mit deren Hilfe er die Keilschrift entschlüsselte. Endlich konnte man die Tontafeln lesen, die Layard mitgebracht hatte. Gewissenhafte Ausgrabungen auch durch deutsche Archäologen, die Entschlüsselung der ältesten bekannten Schriftproben durch Sumerologen, die monumentale karthografische Erfassung des komplizierten Bewässerungssystems durch Robert McCormick Adams zu Land und in der Luft - all das trug dazu bei, die Ursprünge der Zivilisation in Mesopotamien zu erhellen.


(NG, Heft 7 / 2003)
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