Schmutziges Geld

Artikel vom 01.09.2003  —  Autor: Lynne Warren  —  Bilder: Jodi Cobb

Dieses Baby ist kein Sklave. Aber mit einem Pappkarton als Bettchen und einem Wellblechschuppen als Zuhause steht es schlecht um die Aussichten des Jungen aus Guatemala-Stadt. Vielleicht wird er geraubt oder verkauft, um in einem fremden Land illegal adoptiert zu werden - eine Spielfigur internationaler Machenschaften, an denen manche guatemaltekischen Anwälte hervorragend verdienen. Es kann aber auch sein, dass er - wie 44 Prozent der Kinder seines Landes - chronisch unterernährt aufwächst. Oder dass er, wie acht von zehn Guatemalteken, in einer Wohnung ohne Toilette leben muss. Und nicht ausgeschlossen, dass er als Erwachsener zu den 40 Prozent im Land gehören wird, die weder lesen noch schreiben können.

Die Armut, unter der die meisten Familien in Guatemala leiden, ist nicht die Ausnahme. Drei Milliarden Menschen - fast die Hälfte der Weltbevölkerung - müssen pro Tag mit weniger als zwei Euro auskommen. Bittere Not zwingt manche Verarmte dazu, ihren einzigen Besitz ganz oder in Teilen zu verkaufen: ihren gesunden Körper oder den ihrer Kinder. Zehntausende Frauen und Mädchen in den Entwicklungsländern sind im äußerst profitablen internationalen Sexhandel zur Ware geworden. Anderen jungen Frauen wird in ihren Heimatländern aus Gründen der Tradition die Möglichkeit vorenthalten, über wichtige Dinge wie Ehe und Schwangerschaft selber zu entscheiden.

Obwohl die Vereinten Nationen Zwangsheiraten als Form der Sklaverei anprangern und fast alle Länder ein gesetzliches Mindestalter für Eheschließungen eingeführt haben, bleiben die alten Bräuche vielerorts gültig.

In dem Dorf Bembe im westafrikanischen Benin versammeln sich Frauen und Kinder vor ihrem Häuptling. "Nur wenige Mädchen in diesem Dorf werden schon 18 sein, wenn sie heiraten", sagt Hector Gnonlonfin, Gründer von Tomorrow Children, einem Heim für ausgebeutete Kinder. "Wir haben ein zehnjähriges Schulmädchen gefunden, das bereits einen Ehemann hatte." Der Brautpreis, den ein älterer Mann an die Eltern bezahlt, kann für die Familie über Hungertod und Überleben entscheiden. Für das Mädchen kann die frühe Eheschließung aber gravierende gesundheitliche Folgen haben, bis hin zum Tod. Der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge haben Mädchen unter 15 ein fünfmal höheres Risiko, an Komplikationen während der Schwangerschaft zu sterben, als Frauen über 20.


(NG, Heft 9 / 2003)
  • Artikel bookmarken
  • Firefox
  • IE
  • del.icio.us
  • Mister Wong
  • Yahoo MyWeb
  • Google
Userkommentare

DISQUS ist ein Angebot von disqus.com und unabhängig von nationalgeographic.de - siehe insoweit die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion

blog comments powered by Disqus