Stoffe, die mitdenken

Artikel vom 01.01.2003  —  Autor: Cathy Newman  —  Bilder: Cary Wolinsky

Es gab eine Zeit, in der ich immer wieder davon träumte zu schweben. Dann las ich von Alex Sozas Antischwerkraftjacke - und fragte mich, ob meiner Phantasie jetzt wirklich Flügel wachsen könnten. Ich treffe Soza, einen jungen dänischen Designer, in der Kopenhagener Vorstadt Valby, und er willigt ein, mir die Jacke zu zeigen. Auf der Bahnfahrt zu seinem Atelier werden ihm plötzlich die Lider hinter der dickrandigen schwarzen Brille schwer. Sein Körper sinkt in sich zusammen. Kurz darauf ruckt er wieder hoch und entschuldigt sich: "Tagträume. So entstehen meine Ideen." Auch die Antischwerkraftjacke sei so entstanden. "Ich saß in der U-Bahn, und plötzlich formte sich in meinem Kopf dieses Bild einer schwebenden Jacke", sagt er. "Ich sah eine schöne Frau, die aus einer Jacke heraustritt, und die Jacke blieb in der Luft hängen."

Das ist nicht genau das, was mir vorschwebte. Aber Soza wiederholt, dass dieses Kleidungsstück seinen Träger natürlich nicht in die Luft hebt. Im Atelier zieht er die Jacke aus einem Pappkarton. Sie sieht aus wie eine in der Sonne geschrumpfte Qualle. Sie besteht aus zwei Schichten einer Membran von Polyurethan. In die Schichten sind Kanäle gesteppt, in die Chemikalien geleitet werden können, aus denen ein Gas entsteht, das leichter ist als Luft. "Könnte ich sie anprobieren?" Soza guckt ganz entsetzt. "Dazu ist sie zu empfindlich. Aber sie funktioniert." Er zeigt mir ein Foto, auf dem die Jacke wie eine Schaumflocke in der Luft schwebt. Als ich frage, was denn der Nutzen sei, wenn sie nicht auch ihren Träger leichter machen könne, schenkt er mir einen mitleidigen Blick. "Es geht um die Phantasie!", sagt er. "Sie ist ein schöner Traum!"

Na gut. Nicht alle Höhenflüge der Vorstellungskraft gelingen, und ich werde vom Schweben weiter nur träumen. Dennoch: Die Traumwelt der High-Tech-Textilien ist zur Zeit eine sehr aufregende Region. Seit unsere Vorfahren sich zum Schutz vor Kälte in Kleidung hüllten, bewahren uns Textilien vor jedem Wetter, aber auch vor Verletzungen.

Anfangs wurde Kleidung aus natürlichen Materialien wie Leder, Seide und Wolle hergestellt. Mit der Erfindung der Kunstseide Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Verarbeitung und Nutzung von Fasern immer vielseitiger. Heute steht die Textilbranche an der Schwelle einer neuen Ära. Die neueste Generation smarter Stoffe ist weltraumtauglich, man kann durch sie mit anderen Menschen kommunizieren und sich von ihnen sogar das Leben retten lassen.

Es geht um Stoffe, die belastbar genug sind, um damit ein Gebäude zu transportieren. Um Tarnanzüge, die mit Hilfe von Glasfaseroptik einen Soldaten im Feld so gut wie unsichtbar machen. Die Forschung und Entwicklung von neuartigen Stoffen findet oft unter Geheimhaltung statt. Und zahlreiche Visionen sind bislang nichts als Zukunftsträume. Aber eines Tages wachen wir auf - und sie könnten wahr geworden sein.


(NG, Heft 1 / 2003)
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