Sümpfe in der Wüste

Artikel vom 01.10.2003  —  Autor: George Grall  —  Bilder: George Grall

Cuatro Ciénegas, ein kleines Tal in der Chihuahuawüste, beherbergt auf seinen etwa 1300 Quadratkilometern eines der weltweit seltensten Feuchtgebiete. Wasser - teils warm, teils kalt und meist sehr mineralstoffhaltig - fließt durch ein bisher kaum erforschtes System unterirdischer Kanäle an die Oberfläche. Die Menschen nutzen es seit Jahrhunderten, doch erst vor kurzem entdeckten Biologen, dass eine erstaunlich große Anzahl an Tier- und Pflanzenarten es ihnen gleichtut.

Von Kakteen über Schnecken bis zu Skorpionen, Fischen und Reptilien - mehr als 60 Arten, die man nur hier findet, wurden bisher identifiziert. Darüber hinaus existieren Hunderte nichtendemischer Arten, die das Tal zu einem biologischen Paradies machen. Seltene Fische leben in lagunas (Seen), pozas (Teichen) und zahlreichen Kanälen. Mit etwa 100 Liter Wasser bilden unzählige pozas natürliche Aquarien. Selbst die größeren lagunas haben selten mehr als 75 Meter Durchmesser und sieben Meter Tiefe.

Der einheimische Naturforscher José "Pepe" Lugo untersucht einen von Kalkablagerungen verkrusteten Kanal, einen der vielen auf unerklärliche Weise ausgetrockneten Wasserwege. "Auch einige pozas sind ausgetrocknet", sagt er. Lugo lebt seit 75 Jahren in dieser Region; wegen seiner Kenntnisse und seines unermüdlichen Einsatzes benannten Biologen eine Reihe von Arten nach ihm. Heute macht er sich Sorgen. Wissenschaftler haben es zwar nicht bestätigt, doch Lugo fürchtet, dass durch Nutzung des Oberflächenwassers und das Abpumpen von unterirdischen Vorkommen der Grundwasserspiegel sinken könnte.

Ich spreche mit W. L. Minckley von der Arizona State-Universität, einem anerkannten Experten für den Lebensraum der Cuatro Ciénegas. Dieser pflichtet Lugo bei: Die Feuchtgebiete des Tals sind nicht nur durch den Wasserverbrauch seitens der Einheimischen bedroht, sondern auch durch die zunehmende Nutzung als Freizeit- und Erholungsgebiet. "Sowohl nationale als auch internationale Bemühungen sind notwendig, um der Nachwelt dieses phantastische Gebiet zu erhalten", mahnt er. Die Region Cuatro Ciénegas ist seit etwa 10 000 Jahren bewohnt; erste Kanäle wurden vermutlich im 17. Jahrhundert von spanischen Siedlern angelegt. Der Großteil des Wassers ist stark mineralhaltig und als Trinkwasser ungeeignet. Zur Bewässerung der Felder muss es mit Süßwasser verdünnt werden.


(NG, Heft 10 / 2003)
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