Als Saburo Sugiyama am südlichen Rand der "Pyramide der gefiederten Schlange" in der mexikanischen Ruinenstadt Teotihuacán mit seinen Ausgrabungen begann, hätte ihn nichts auf die makabre Entdeckung vorbereiten können, die am Boden eines 1,20 Meter tiefen Grabens auf ihn wartete. Dort saß, mit auf dem Rücken verschränkten Armen, das Skelett eines Mannes. Um seinen Hals hing ein breiter Reif mit mehr als 200 aus Muscheln gefertigten Perlen. An diesem war einst eine Reihe von Nachbildungen menschlicher Oberkiefer aufgehängt, geschnitzt aus - mittlerweile verwittertem - Holz und mit Zähnen aus Muscheln dekoriert.
Nach diesem Fund im Sommer 1983 legten Sugiyama und seine Kollegen vom mexikanischen Nationalinstitut für Anthropologie und Geschichte (INAH) 17 weitere menschliche Skelette in dem Grab frei. Auch deren Arme waren verschränkt, und sie trugen fast identische Halsreifen. Bei zwei Skeletten bestanden sie allerdings aus echten menschlichen Kiefern samt intakten Zähnen.
Teotihuacán war das erste echte städtische Zentrum auf dem amerikanischen Kontinent und die größte Metropole dieses Erdteils, bevor das aztekische Reich entstand. Seine Geschichte begann ungefähr zu Beginn unserer Zeitrechnung und währte mehr als sieben Jahrhunderte. Danach blieb nur eine Legende. Auf dem Höhepunkt des Wohlstands, um das Jahr 500 n. Chr., lebten dort schätzungsweise zwischen 125 000 und 200 000 Menschen - genauso viele wie 1000 Jahre später in Shakespeares London.
Trotz seiner extremen Lage auf einem hohen, trockenen Plateau spielte Teotihuacán länger eine bedeutende Rolle als zur gleichen Zeit das imperiale Rom . Auf der Ostseite der riesigen Plaza innerhalb der Zitadelle steht die Pyramide der gefiederten Schlange, die für die Teotihuakaner die gleiche Bedeutung hatte wie das Forum Romanum für die Römer: als faktisches und spirituelles Zentrum.
Der Grundriss der Stadt war entlang einer Reihe von Achsen ausgerichtet, die sich strikt an den Bewegungen der Sterne und an den Hügeln am Horizont orientierten. Die Stadt muss wie ein Weltwunder gewirkt haben: als ein Zentrum von Ordnung und Macht, dessen monumentale Größe selbst die Natur in den Schatten stellte. Die Azteken späterer Zeiten hielten Teotihuacán für den Sitz der Götter. Die heutigen Mexikaner sagen schlicht "die Pyramiden", wenn sie von dieser alten Stadt sprechen. Spät an einem unfreundlichen Oktobertag unternehme ich meinen schon zur Gewohnheit gewordenen Pilgergang hinauf zur 42,7 Meter hohen Spitze der Mondpyramide. Ich habe sowohl die Pyramiden von Giseh als auch die Akropolis in Athen besucht, aber den Blick auf Teotihuacán, der sich von der Mondpyramide aus bietet, halte ich für das denkwürdigste archäologische Panorama der Welt.
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