Von Kanada nach Kanada

Artikel vom 01.04.2003  —  Autor: John Vaillant  —  Bilder: Michael Yamashita

Die letzte Novemberwoche ist nicht der ideale Zeitpunkt, um von Neuschottland aus in See zu stechen. Nicht für die Jungfernfahrt eines Segelschiffs. Nicht für eine Crew ohne Erfahrung. Und das günstige Wetter über dem Nordatlantik sollte bald vorbei sein. Doch der Kapitän ergriff seine letzte Chance, endlich auszulaufen. Unheilverheißende Winde kamen auf, als die Picton Castle den Hafen von Lunenburg verließ. Zwölf Stunden später und noch in der Euphorie des Aufbruchs geriet sie in eine Wetterfront mit Winden der Stärke neun. Die See türmte sich zu grauen Bergen.

Kapitän Dan Moreland hatte nicht nur abgelegt, weil er aus lebenslanger Segelerfahrung wusste, dass es Zeit war. Er hatte auch eine besondere Mannschaft an Bord. Neben zwölf erfahrenen Seeleuten fuhren 25 Matrosen ohne Ausbildung mit - Amateure, die bis zu 32 000 Euro dafür bezahlt hatten, 18 Monate auf See zu verbringen. Moreland hatte ihnen ein Abenteuer im Stil des 19. Jahrhunderts versprochen: Als arbeitende Seeleute, nicht als Traumschiff-Touristen sollten sie rund um die Welt segeln.

Die Mitglieder der Crew waren zwischen 19 und 63 Jahre alt. Manche hatten ihren Job gekündigt, die Schule geschmissen, ihr Haus verkauft, den Partner verlassen oder Schulden gemacht. Ein Verlagslektor war dabei, ein Neurochirurg, ein Cowboy, ein Musiker, ein Croupier aus Las Vegas und ein Model. Wenn sie jetzt nicht losfuhren, würden sie den Hafen womöglich nie verlassen. Das Schiff hatte fast einen Monat eher auslaufen sollen, doch als die Amateurcrew im Frühherbst im Hafen von Lunenburg ankam, lag die "Picton Castle" noch in der Werft. Arbeiten für 1,5 Millionen Euro hatten aus dem 69 Jahre alten Nordseefrachter einen stolzen, 55 Meter langen Windjammer mit stählernem Rumpf gemacht.

Kojen hatten die Werftarbeiter allerdings vergessen. Morelands Kunden mussten sie selber bauen. Durch die Arbeiten und das Verstauen des Proviants verschob sich die Abfahrt auf die letzten Tage des November 1997. Moreland wusste, dass sie dadurch erst einmal in raues Wetter geraten würden. Doch er blickte weit voraus auf seine Route um die Welt.

Wenn sie jetzt starteten, würden sie im Südpazifik den Passat erwischen, vor der Monsunzeit den Indischen Ozean passieren und schließlich durch die stürmischen vierziger Breitengrade kommen, bevor die Winde dort richtig loslegten. Jetzt aber donnerten Stürme durch den Nordatlantik. Sollte die Mannschaft noch von einer romantischen, friedlichen Kreuzfahrt geträumt haben, rüttelte der Orkan sie jetzt wach. "In der Messe sah es aus wie in einem Mixer", erinnert sich der Erste Steuermann Brian Donnelly. "Das Gepäck war noch nicht festgezurrt, alles flog durch die Gegend." Mehr als die Hälfte der Crew lag seekrank danieder. Und dann rutschte eine der Seefrauen auf dem wankenden, nassen Deck aus und brach sich das Sprunggelenk. Die 57-jährige Mildred Broome, Mikrobiologin aus Boston, musste ins Krankenhaus.


(NG, Heft 4 / 2003)
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