Wunder in der Wüste

Artikel vom 01.08.2003  —  Autor: Hans-Joachim Löwer

Dieser Mann mit dem schwungvollen Turban, der da durch den Orient zieht, trägt irgendein Geheimnis mit sich. Er sagt, er sei ein frommer Muslim, und in der Tat kann er den Koran besser zitieren als so mancher einheimische Scheich. Er sagt, er sei in Indien geboren und in London aufgewachsen, daher spreche er Arabisch nur gebrochen - doch was treibt ihn nur ständig zu wilden Stämmen in die Wüste? Er sei Kaufmann, erzählt er den Leuten - nur hat niemand ihn je mit Waren gesehen. Stattdessen kritzelt er ständig in ein Büchlein, das er hütet wie einen Klumpen Gold. Ist er nicht doch ein Ungläubiger? Ein paar Mal versuchen Einheimische, das Geheimnis von Ibrahim ibn Abdallah zu lüften, wie sich der junge Herr nennt. Einer zupft an seinem Bart, um dessen Echtheit zu testen. "Scheich Ibrahim" schlägt sofort zu, kein echter Orientale lässt sich diese Beleidigung bieten. Andere wollen von ihm als Kostprobe ein paar Worte Hindustani hören. Er plappert Sätze in einer Sprache, die sie barbarisch finden. Es ist, was sie nicht wissen, astreines Schweizerdeutsch.

"Scheich Ibrahim" heißt in Wahrheit Johann Ludwig Burckhardt. Er wurde 1784 als Sohn eines Obersten in Lausanne geboren und träumt von der großen weiten Welt. In Leipzig und Göttingen hat er Jura und Statistik, alte und neue Sprachen studiert. In Cambridge kamen Arabisch und Astronomie, Medizin und Mineralogie hinzu. Dort sahen ihn Kommilitonen bei brütender Sommerhitze barfuß lange Strecken laufen. Und nachts schlief er, in Decken gewickelt, auf dem nackten Boden. Er wolle sich abhärten, sagte er - für eine große, anstrengende Reise. Burckhardt hat tatsächlich einen Geheimauftrag. Die African Association, eine britische Organisation zur Erforschung des Schwarzen Kontinents, hat ihn auserwählt, als erster Europäer die legendäre, für Christen verbotene Stadt Timbuktu am Rand der Sahara zu betreten.

Drei Jahre lang hat sich Burckhardt schon in die Welt des Islam eingelebt. Er ist mit Beduinen durch die Sandmeere bis zum Euphrat gezogen. Nun, im Jahr 1812, ist er auf dem Weg von Damaskus nach Kairo, wo er sich einer Karawane anschließen möchte. Ein Stück hinter dem Toten Meer will er plötzlich den Hauptweg verlassen. Er will das Wadi Musa, das Mosestal, sehen, das seit den Kreuzfahrerzeiten kein Europäer mehr betreten hat. Er hat phantastische Geschichten über dieses Tal gehört: von Ruinen einer reichen Stadt, die auf Griechisch Petra hieß. Sein Führer, angeheuert für ein Entgelt von vier Ziegen und 20 Piaster, hebt protestierend die Hände: Räuber, Mörder, viel zu gefährlich und keine Erlaubnis des zuständigen Scheichs…


(NG, Heft 8 / 2003)
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