Vergrößern
Ein Kleiner Tümmler im Netz wirbelt nicht panisch umher wie ein Hai. Er kämpft nicht um sein Leben wie ein Thunfisch. Er gibt einfach auf. In seiner natürlichen Umgebung wirkt dieser Meeressäuger sonst nervös wie ein hochgezüchteter Rassehund. Aber das Verhalten des kleinsten Wals im Nordatlantik ist noch wenig erforscht. Mit seiner nur handgroßen Rückenflosse ist ein Kleiner Tümmler (Phocoena phocoena, auch Schweinswal genannt) schwer auszumachen.
Er hat Angst vor Booten und Tauchern. Unterwasseraufnahmen von ihm im Ozean gibt es nicht - solche von toten Tieren dagegen genug. Anfang der neunziger Jahre ertranken im Golf von Maine jedes Jahr an die 3000 Exemplare in Treib- und Stellnetzen. Der Biologe Andy Read beschloss, zusammen mit den Heringsfischern von Grand Manan Island etwas für die Rettung der Tiere zu tun - und dabei mehr über sie zu lernen.
  Vergrößern
"Wo es Heringe gibt, sind auch Kleine Tümmler", sagt Herbert Lambert, ein Fischer von Grand Manan. Das ist jahrhundertealtes Wissen hier an der Bucht zwischen Nova Scotia und dem kanadischen Festland. Die Passamaquoddy- und Micmac-Indianer fingen einst Heringe mit Reusen aus Zweigen - und aßen auch die mitgefangenen Tümmler. In modernen Stellnetzen und in Treibnetzen sind die inzwischen geschützten Tümmler aber nur Beifang. So ein Stellnetz kann Heringe im Wert von 20 000 Euro festhalten, und oft ein Dutzend Tümmler. Wenn die Fischer den Fang herausziehen, bilden Heringe und Tümmler eine brodelnde Masse. Früher waren die kleinen Wale in dieser Lage meist zum Tode verurteilt. Heute holen die Fischer das Team von Andy Read zu Hilfe, wenn sie in ihren Netzen einen Tümmler sehen.
  Vergrößern
Read hat 1991 ein Rettungsprogramm ins Leben gerufen. Während der Bergung sammeln die Wissenschaftler Daten, die Fischer werden für die aufgewendete Zeit bezahlt - und 95 Prozent der Tümmler überleben. Deswegen, und weil die Treibnetzfischerei stark zurückgegangen ist, hat sich hier der Bestand während der vergangenen zehn Jahre auf schätzungsweise 90 000 Tiere verdoppelt. In einem Netz sind so viele Tümmler, dass die Taucher mit ihnen nicht allein fertig werden. Ich lege die Kameras beiseite und tauche hinab zu einem, der sich in den Maschen verfangen hat, und zerre ihn zum Boot der Wissenschaftler.
Die Forscher arbeiten so reibungslos zusammen wie ein Boxenteam bei der Formel 1: Sie messen Länge, Gewicht und Körperumfang, wobei die Tümmler ständig mit Meerwasser benetzt werden. Die meisten Tiere werden markiert, an einigen werden Satellitensender befestigt, die mehrere Monate lang ihre Wanderungswege und Tauchgänge übermitteln.
DISQUS ist ein Angebot von disqus.com und unabhängig von nationalgeographic.de - siehe insoweit die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion
blog comments powered by Disqus