Abenteuer im Hippo-Land

Artikel vom 01.09.2004  —  Autor: J. Michael Fay  —  Bilder: Michael Nichols

Als ich zum ersten Mal am Strand von Gabun stand, zog ich mich aus und überlegte, ob ich nach Hause schreiben sollte: "Mach dir keine Sorgen, Mama, es geht mir gut. Versuch nicht, mich zu holen. Du wirst mich nie wiedersehen." Nun, zehn Jahre später, am Weihnachtsmorgen, bin ich wieder am selben Strand, in einer Region, die heute Nationalpark Loango heißt. In der Brandung spielen Nilpferde, Kaffernbüffel nehmen ein Sonnenbad. Ich schaue auf den weiten Atlantik hinaus und denke: "Fay, du Halunke, wieso bist ausgerechnet du derjenige, der sich hier im Paradies herumtreiben darf?"

Junges Nilkrokodil

Bild: Michael Nichols Vergrößern

Ein Jahr ist es jetzt her, dass ich die Leitung der Operation Loango übernommen habe. Sie ist ein Gemeinschaftsprojekt der Society for Conservation and Development - eines Veranstalters für Ökotourismus - und meines Arbeitgebers, der Wildlife Conservation Society (WCS). Wir wollen eine wirtschaftlich tragfähige Grundlage für den Nationalpark Loango schaffen und den Behörden bei der Verwaltung des Parks zur Seite stehen. Zu unseren wissenschaftlichen Projekten gehört es, Elefanten mit Satellitentechnik zu verfolgen. Als Naturschützer wollen wir Wilderei und illegale Fischerei unterbinden, Schildkröten überwachen, die Strände reinigen und - vereinfacht gesagt - den Park verwalten. Als ich mit Jane und Malia das Kanu zu Wasser lasse, steht ein Goliathreiher knietief in der Bucht. Wir fahren gerade vorüber, da öffnet er seine gewaltigen Schwingen und hebt ab wie ein Jumbojet, langsam und unaufhaltsam.

Küste von Petit Loango

Bild: Michael Nichols Vergrößern

Wir paddeln an der Landzunge entlang, die den Atlantik von der Lagune trennt, und tauchen dahinter in den dunklen Mangrovenwald ein, der den Fluss säumt. Das Wasser ist mal türkisblau, mal schwarz. Bei Flut drückt der Ozean in die Lagune, das schwarze Wasser aus den Sümpfen des Binnenlands flussaufwärts drängend. Wir paddeln mühsam flussaufwärts. Die Ufer rücken zusammen, Wurzeln und Buschwerk behindern das Vorankommen. Ich lasse den Blick über eine schlammige Sandbank gleiten. Plötzlich erhebt sie sich. Mein Puls steigt: Keine acht Meter vor dem Boot steht ein gewaltiger Nilpferdbulle. Er lässt sich ins Wasser fallen und kommt geradewegs auf uns zu.

Wir haben ihn erschreckt, er fühlt sich angegriffen. Hektisch paddeln wir zu den Mangroven am gegenüberliegenden Ufer, das plötzlich kilometerweit entfernt zu sein scheint. "Los, los, los!", schreit Jane. "Er kommt. Er ist genau hinter dem Boot." Mir geht die Titelmusik aus dem Film Der weiße Hai durch den Kopf, und vor meinem geistigen Auge sehe ich schon, wie dieser Riese unser kleines Kunststoffkajak in der Mitte durchbeißt. Wir erreichen ein Gewirr von Mangrovenwurzeln. Sie sind glitschig wie Spaghetti, festhalten kann man sich daran eigentlich nicht.

Große Artenvielfalt in Loango

Bild: Michael Nichols Vergrößern

Ich werfe das Paddel beiseite und schiebe Malia nach oben auf den Baum. Jane und ich klettern hinterher: Wir krabbeln und schlittern über die Spaghettizweige, bis etwa drei Meter Dschungel zwischen uns und dem Rand des Wassers liegen. Als wir uns umdrehen, sehen wir nur noch einen Wasserschwall hinter dem wild tanzenden Kajak: Das Nilpferd ist abgetaucht.


(NG, Heft 9 / 2004)
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