Auf der Suche nach bin Laden

Artikel vom 01.12.2004  —  Autor: Tim McGirk  —  Bilder: Reza

Faquir Shah lässt seine Maschinenpistole über die schwarzen Berge von Tora Bora rattern. Doch da steht niemand. Er zielt auf Phantome - scheinbare Krieger von al-Qaida, gegen die er bis vor kurzem kämpfte. Die Schüsse knallen durch einen Wald aus verknorpelten Stechpalmen, dann fliegt der Hall im Zickzackkurs durch die Schluchten zu den Granitgipfeln, als suchten sie nach einer Antwort. Doch nichts kommt zurück, nur der Wind pfeift. Rauch steigt auf. Zum ersten Mal seit den heftigen Gefechten zwischen al-Qaida und dem amerikanischen Militär im Dezember 2001 ist der afghanische Milizionär wieder in Tora Bora. In seinem Machogehabe liegen Prahlerei und Angst zugleich.

"Zwei Wochen lang haben wir hier im Schnee gegen al-Qaida gekämpft", sagt Shah, der unter seinem abgerissenen grauen Mantel eine Tarnhose des amerikanischen Militärs trägt. Er deutet auf einen vier Meter tiefen Krater, den eine amerikanische Bombe hinterließ. "Sehen Sie das Loch?", fragt er. "Ein Soldat hat ein Stück Beton vom World Trade Center hineingeworfen, weil er dachte, al-Qaida wäre erledigt. Ich habe ihm gesagt, dass ich das nicht glaube." Wir laufen ein schmales Bachbett entlang und dann einen Hügel hinauf in die Höhlen von Tora Bora. Dutzende gibt es in diesem Hang. Jetzt sind sie alle leer - nur ein paar Patronen, die von der amerikanischen Belagerung vor drei Jahren übrig geblieben sind, liegen noch herum. Wir gehen zu den Ruinen eines Lehmziegelhauses, das von Bomben dem Erdboden gleichgemacht wurde. Ich finde Splitter eines Artilleriegeschosses und eine Gebetskappe. "Hier hat Osama bin Laden gelebt", sagt Shah.

Ich prüfe die Koordinaten auf meinem GPS-Gerät. Nord 34°07,080’, Ost 70°13,209’. Augenzeugen berichteten, dass bin Laden eines Tages hierher kam, vor Hunderten seiner Kämpfer eine aufwühlende Rede hielt, in der Höhle übernachtete und wieder verschwand. Das war einige Zeit vor Beginn der Belagerung von Tora Bora, irgendwann Anfang Dezember 2001. Von diesem Zeitpunkt an bis zur Drucklegung dieses Artikels Ende Oktober 2004 hat man den meistgesuchten Mann der Welt nicht mehr gesehen, auch wenn es Gerüchte gibt, dass amerikanische Streitkräfte ihn gefangen genommen haben. Wohin mag er verschwunden sein? Diese Frage habe ich mir oft gestellt, während ich von Islamabad aus über die Lage in der Region berichtete. Auf der Suche nach einer Antwort folgte ich bin Ladens Spuren entlang der Schmuggelpfade in der Wüste nahe der Grenze zwischen Afghanistan und dem Iran, durch die schroffe Bergregion des Hindukusch und sogar in den teuren Wohnvierteln der pakistanischen Städte Peschawar und Karatschi, wo man einige Al-Qaida-Führer in schicken Villen aufgespürt hatte.

Es gibt viele Theorien, und einige sind weit hergeholt. Versteckt sich bin Laden irgendwo in weiter Ferne, zum Beispiel im Südjemen, dem Heimatland seiner Vorfahren? Oder treibt er sich, jetzt mit Rastafrisur, am Strand von Costa Rica herum?

Elektronisch abgefangene Nachrichten, Aussagen von Al-Qaida-Kämpfern und Videobänder, die bin Laden vor einer für diese Region typischen Landschaft zeigen, sind jedoch überzeugende Beweise dafür, dass er sich noch immer hier an der afghanisch-pakistanischen Grenze aufhält - einer wilden Gebirgsregion von der Größe Irlands. Jeder Geächtete, jeder Flüchtling findet ein perfektes Versteck in diesem festungsgleichen Landschaftslabyrinth, das von einer großen Mauer hoher Gebirgszüge bestimmt wird. Diese gewaltigen Berge ziehen sich über 1600 Kilometer vom Hindukusch nach Süden bis zum Arabischen Meer und bilden ein natürliches Hindernis zwischen Zentralasien und den Ebenen Indiens. Wie schwer es zu überwinden ist, hat eine Phalanx von Eroberern - Alexander der Große, die Briten im 19., die Sowjetunion im 20. Jahrhundert - schmerzlich erfahren. Sie alle scheiterten hier.

Bedrohlicher als die Berge scheinen jedoch die Einheimischen. Mehr als 25 Millionen Menschen leben hier in einer verwirrenden Anzahl von Stämmen und Clans, die man zusammen Paschtunen nennt. Sie sind auf beiden Seiten der Grenze zu Hause, haben mit Paschtu eine gemeinsame Sprache, lieben Waffen und Witze, sind Fremden gegenüber zutiefst misstrauisch, kauen begeistert naswar, grünen Kautabak, und halten sich an einen strengen, uralten Ehrenkodex, den paschtunwali. Einer seiner Grundsätze ist für bin Ladens Jäger besonders misslich: nanawateh, das bedeutet Schutz und besagt, dass jeder Paschtune verpflichtet ist, jedem zu helfen, der bei ihm Zuflucht sucht - und sei es sein ärgster Feind. Von einem Paschtunen wird erwartet, dass er jeden Gast mit seinem Leben verteidigt. Und nicht wenige haben das bereits getan.


(NG, Heft 12 / 2004)
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