Auf dünnem Eis

Artikel vom 01.02.2004  —  Autor: John L. Eliot  —  Bilder: Norbert Rosing

Ein Eisbär nimmt Witterung auf. Etwa 1200 dieser Raubtiere jagen am Westufer der Hudsonbai in Kanada. Hier, am Südrand ihres Verbreitungsgebiets, bewegen sie sich heute auf dünnem Eis: Die globale Erwärmung lässt ihr Revier abschmelzen. Die Eisbären brauchen festes Eis unter den Tatzen, wenn sie Robben und deren Junge jagen. Aber die Hudsonbai ist nur im Winter und Frühjahr zugefroren; von Juli bis November zehren die Bären von ihren Fettreserven. Seit Jahrtausenden gelingt ihnen das, aber der Klimawandel bedroht diese Lebensweise.

"Das Eis bricht im Frühjahr nun schon etwa zwei Wochen früher als vor 20 Jahren", sagt Ian Stirling, Biologe bei der kanadischen Naturschutzbehörde. Seinen Messungen nach sind Geburtenrate und Gewicht der Bären seit 1980 um rund zehn Prozent gesunken. "Wenn sich der Trend fortsetzt und das Eis von der Hudsonbai verschwindet, wird es hier irgendwann auch keine Bären mehr geben", prophezeit Andrew Derocher, Biologe an der Universität von Alberta.

Wie ein schlafender Vulkan - außen kühl, innen heiß - hält der Eisbär ein Nickerchen im Schnee. Selbst bei Temperaturen weit unter null friert er nicht. Zwei Fellschichten und eine dicke Lage Fett isolieren ihn gut. Das Einsetzen der herbstlichen Schneestürme signalisiert dem dösenden Bären, dass es Zeit ist, sich auf den Weg zur Hudsonbai zu machen. Weil das Eis im Frühjahr immer früher schmilzt, hat er weniger Zeit zu jagen und sich die Reserven anzufressen, die ihn über den Sommer bringen. Die Jungen sind zu diesem Zeitpunkt etwa drei Monate alt. Obwohl Spielen und Schmusen noch ihre Hauptbeschäftigungen sind, begleiten sie ihre Mama im März schon zur Hudsonbai, um Robbenjunge zu jagen.

Mit furchterregendem Gebrüll holt hier ein Bär zum Prankenhieb aus. Sein Artgenosse ist ihm zu nahe gekommen - und weicht aus. Eine echte soziale Hierarchie ist bei Eisbären nicht bekannt, aber einzelne Tiere herrschen mit purer Kraft. Im Herbst steigern die Eisbären mit spielerischen Kämpfen ihre Geschicklichkeit und kräftigen ihre Muskeln. Bei diesen Rangeleien "haben sie einen niedrigen Testosteronspiegel. Deshalb gibt es keine echten Aggressionen", sagt Andrew Derocher.

Dabei lernen sie auch, die Stärke künftiger Rivalen zu schätzen. Im Herbst konkurrieren sie weder um Nahrung noch um Bärinnen. Aber sobald die Bucht im Winter zufriert, jagen sie solo: zuerst nach Robben und im Frühjahr nach Partnerinnen.


(NG, Heft 2 / 2004)
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