Bild: AKG-Images, Alfredo Dagli Orti/BPK 2003, Photo Scala Florenz, Staatliche Museen zu Berlin/Antikensammlung/Christa Begail/BPK 2003 Vergrößern
Das Tyrrhenische Meer glänzt in der Ferne. Hier oben, über der mittelitalienischen Küste, aber ist der Boden graubraun und karg. Windböen zausen das Macchiagestrüpp. Verloren steht eine kleine Burg in der Landschaft, das Castello dell'Abbadia, daneben spannt sich eine antike Brücke über das Flüsschen Fiora. Wir fahren über Feldwege zu einem Erdhügel, der sorgsam eingezäunt ist. Erst hier lässt sich etwas Untergründiges erahnen. Eine fast 32 Meter lange Treppe führt uns in eine Felsenhöhle. Bald umgibt uns fast völlige Dunkelheit. Man braucht schon einige Phantasie, um sich vorzustellen, was hier einst geschah. Wir blicken in leere Nischen, in denen vor langer Zeit Leichen lagen, auf Leinen gebettet, mit Kalk bestreut, umgeben von 250 Beigaben aus Terrakotta, Bronze und Gold.
Wir tasten mit unseren Augen die nackten Wände ab, auf denen das Getümmel legendärer Schlachten zu sehen war. Dieses Familiengrab des etruskischen Aristokraten Vel Saties, errichtet zwischen 330 und 310 v. Chr., barg den größten Freskenzyklus jener Epoche, der bisher im Mittelmeergebiet gefunden worden ist. "Die Freude, die in diesem Moment in mein Herz strömte, war so groß, dass es weder eine Feder geben kann noch ein Talent, deren Ausmaß zu beschreiben", notierte der Mann, der diese Gruft 1857 in der Nähe der Stadt Vulci entdeckte. Nach zweiwöchiger Buddelei war der italienische Archäologe Alessandro François auf dem Bauch durch einen schmalen Spalt in einen Hohlraum gekrochen. Nach weiteren zwei Wochen Grabung stand er vor zwei Tuffsteinplatten, die den Eingang zum Hauptgrab verschlossen.
Bild: Araldo de Luca Vergrößern
Er legte sie um und blickte im matten Kerzenlicht auf Szenen, wie er sie noch nie gesehen hatte. In der lang gestreckten, T-förmigen Kammer standen sich gemalte Mythen gegenüber. Auf der linken Wand schächtete der nackte griechische Held Achilles mit dem Schwert einen trojanischen Gefangenen, der am Boden saß. Er opferte das Blut dem Schatten seines Freundes Patroklos, der von Hektor getötet worden war. Hinter Achilles stand die etruskische Todesgöttin Vanth, gehüllt in einen roten Chiton, den klassischen Umhang der Antike, wie ein verwesender Kadaver, Zähne fletschend, krumme Nase, nach oben spitz zulaufende Ohren, in der Linken den langen Stiel eines großen Hammers, den der Totengott Charon braucht, um die Türen vom Diesseits zum Jenseits einzuschlagen. Auf der rechten Wand stießen - wie ein gemaltes Echo - drei Etrusker ihre überrumpelten Gegner nieder, und ein Mann namens Mastarna befreite seinen gefesselten Freund Caile Vipinnas aus der Gefangenschaft.
Bild: Giorgio Albertini, Jürgen Willbarth Vergrößern
Die Zweikampfgruppen sind Szenen einer legendären Schlacht, die auf die Mitte des 6. Jahrhunderts v. Chr. datiert wird: Die Männer aus Vulci siegten über eine Streitmacht von Kriegern aus mehreren feindlichen Städten. Etwa 150 von insgesamt 6000 etruskischen Gräbern, die bisher entdeckt wurden, sind mit Wandmalereien geschmückt. Keines aber verdeutlicht auf so eindrucksvolle Weise wie die "Tomba François", dass sich dieses antike Volk, die Vorväter der Weltmacht Rom, als Teilhaber der griechischen Kultur verstand.
Die Etrusker, die ein halbes Jahrtausend lang in Mittelitalien herrschten, sahen ihre Mythen in einer Reihe mit dem Mythos Troja und ihre Helden ebenbürtig den griechischen Helden. Ihre Künstler folgten den Griechen in der Form - und verewigten darin ihre eigenen Botschaften von Glanz und Größe.
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