Birma: Überleben im Tal des Todes

Artikel vom 01.04.2004  —  Autor: Alan Rabinowitz  —  Bilder: Steve Winter

Scheppernder Lärm reißt mich aus dem Schlaf. Es dauert ein paar Sekunden, bis ich weiß, wo ich bin. Als ich das letzte Mal hier war, weckten mich schreiende Gibbons, trompetende Elefanten und krächzende Nashornvögel am frühen Morgen. Nun schallen das heisere Stottern von Lastwagenmotoren und das eintönige Stampfen von Hydraulikpumpen zu mir herüber. Durch die geöffneten Fensterläden meiner Hütte sehe ich das Baumkronendach des Walds. Wie malerisch es doch immer noch ist, das Dörfchen Shingbwiyang im Hukawngtal im Norden Myanmars, des früheren Birma!

Einst lebten hier nur wenige hundert Menschen, doch in dem einen Jahr meiner Abwesenheit brach das große Goldfieber aus und zog Tausende an diesen abgeschiedenen Ort - eine Tatsache, mit der ich überhaupt nicht gerechnet hatte. Als Direktor des Naturwissenschafts- und Forschungsprogramms der Wildlife Conservation Society (WCS) möchte ich die letzten unberührten Orte der Welt erforschen und helfen, sie zu bewahren. Darum bin ich ins Hukawngtal zurückgekehrt. Nachdem eine vorläufige Erhebung ergeben hatte, dass hier viele Tiger und andere Wildtiere leben, richtete die Forstverwaltung Anfang 2001 in einem fast unbewohnten Teil des Tals ein großes Wildtierreservat ein.

Übersichtskarte (links), Tiere in der Fotofalle (rechts)

Bild: NG Maps, Wildlife Conservation Society Vergrößern

Ein paar Monate später eröffnete uns die Regierung ihren Plan, die Größe des Reservats zu verdreifachen: Mit 20 000 Quadratkilometern wäre das Hukawngtal dann das größte Tigerreservat der Welt. Niemand hat jemals etwas in dieser Größenordnung vorgeschlagen, seit ich 1993 begann, mit der Regierung von Myanmar zusammenzuarbeiten. Zurück in Shingbwiyang wandere ich mit meinem Kollegen Saw Tun Khaing etwa einen Kilometer weit am Rand einer gerodeten Fläche entlang. Wir sehen ein buntes Sammelsurium von Hütten und aufgespannten Planen.

Sie dienen dazu, die Goldgräber zu versorgen. Auf einem Lehmfeld, wo ich einst Messungen von Tiger- und Elefantenspuren vornahm, stehen heute fliegende Händler mit ihren Ständen. Sie verkaufen Arzneien, Utensilien für den Haushalt und Kleidung. Dann kommen wir an Restaurants und Cafeterias vorbei und an einem Friseur, der neben Haarschnitten auch Massagen anbietet und zum Poolbillard lädt.

Schräge Töne plärren aus den Lautsprechern einer Karaoke-Bar. Überall stehen die Waagschalen für das Gold, das zum Tausch herbeigebracht wird. Als die WCS im Jahr 2000 ihre erste Erhebung durchführte, war ein Großteil dieses Tals unbewohnt oder nur spärlich besiedelt. Während der Trockenzeit kamen die Leute aus den nahe gelegenen Dörfern in die Wälder, um ein bisschen Gold zu waschen und Bambus, Rattan und Holz zu sammeln.

Doch dann, just als die Forstverwaltung das Reservat einrichtete, ließ eine andere staatliche Behörde die weggeschwemmten Brücken erneuern. Da sie fehlten, war das Hukawngtal jahrzehntelang abgeschottet. Angelockt vom Gold, strömten alsbald Zehntausende hierher. Viele beschlossen zu bleiben und rodeten Land.


(NG, Heft 4 / 2004)
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