Das Erbe der Einsamkeit

Artikel vom 01.05.2004  —  Autor: Erwin Brunner  —  Bilder: Udo Bernhart

Einmal nach Stilfs kommen. Bozen, Meran, durch den Vinschgau Richtung Reschenpass. Irgendwann links ab, in ein enges Hochtal. Rechts hinauf. Bis es nicht mehr weitergeht. Stilfs duckt sich an den Berghang, nach oben verliert sich der Ort in den Himmel, die höchsten Bauernhöfe hocken auf fast 1800 Metern. Hier haben sich Menschen von Anfang an in Sicherheit gebracht, fern vom Lauf der Zeit und von fremden Einflüssen.

Familie Schöpf und die Europäische Akademie Bozen

Bild: Udo Bernhart Vergrößern

Neuerdings kommen Fernsehteams nach Stilfs, um zu filmen. Und Landsleute mit Laptop, um zu forschen. Peter Pramstaller hat sein Arbeitsgerät wie immer dabei, auch wenn er mit Rucksack und Anorak aussieht, als wollte er zum nächsten Gipfel. Doch an diesem nasskalten Morgen zieht es ihn nur mal wieder "herauf zu den Leuten". Mit dem quirligen 43-Jährigen durch die engen, steilen Gassen zu stapfen wird zur heiteren Visite. "Hoi, Herr Dokta" von rechts, noch ein "Grüß Gott!" von links, ein kurzer Schwatz in breitem Dialekt, man kennt sich. Pramstaller ist Arzt, Neurologe.

Privatdozent an der Medizinischen Universität zu Lübeck. Hier in seiner Heimat mit Leib und Seele Genforscher. Nach Lehrjahren in London begann er 1995 mit medizinischen Studien in Südtirol, seit 2002 leitet er das von ihm ins Leben gerufene Projekt GenNova an der Europäischen Akademie Bozen. Ein Projekt, das sich nichts weniger vorgenommen hat, als in abgeschiedenen Tälern der Alpen und Dolomiten die Herkunft von Krankheiten ausfindig zu machen.

Landkarte und Mann in den Bergen Südtirols

Bild: Udo Bernhart Vergrößern

Und das in Stilfs begann: Von den 1062 Einwohnern ließen sich 530 von Kopf bis Fuß untersuchen und dann Blut abnehmen. Den Saft, der die Gene enthält, die jedes Menschen Wohl und Wehe wesentlich mitprägen. Wir stehen auf dem winzigen Platz oberhalb der Dorfkirche, auf 1600 Meter Höhe, halb in den Wolken, und Pramstaller setzt sein charmantestes Gesicht auf, um zu erklären, warum dieses Südtiroler Bergnest im Mittelpunkt seiner Welt liegt. "James Watson war auch schon hier", sagt er. "Na ja: fast hier", wiegelt er schmunzelnd ab und deutet nach Süden. "Dort hinten, im italienischen Engadin, hat Watson im Sommer 1952 Urlaub gemacht. Damals hat er einer Freundin noch von der DNA vorgeschwärmt.

Und im Februar 53 kam er auf die Doppelhelix, die Struktur des Erbmoleküls." Dann weist Pramstaller nach Norden, zur Kette der eisgekrönten Dreitausender, die wie zum Greifen nah scheinen: "Dort oben wurde 1991 der Ötzi gefunden, und auch hier wollte plötzlich jeder wissen, woher der Eismann stammte, welche Geschichte er hat. Damals wurde mir klar, welche Schätze in unseren Bergen liegen."


(NG, Heft 5 / 2004)
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