Das Gold der S.S. Republic

Artikel vom 01.09.2004  —  Autor: Pritt J. Vesilind  —  Bilder: Jonathan Blair

Es war Zeit, nach vorn zu blicken, die Feuer zu löschen und die Wunden zu heilen. Der Amerikanische Bürgerkrieg war vorbei, und der ehrfürchtigen Stille folgte allmählich neues, pulsierendes Leben. Der besiegte Süden war arm und verbittert, doch die übrige Nation hatte sich wieder dem Geldverdienen zugewandt. Im Oktober bezahlten William T. Nichols, ein ehemaliger Oberst eines Vermonter Regiments, und sein jüngerer Bruder Henry jeweils 60 Dollar für eine Fahrkarte und stiegen von einer Landungsbrücke in Manhattan auf das Dampfschiff "S.S. Republic". Es sollte sie nach New Orleans bringen. Die Abfahrt war für 15.30 Uhr vorgesehen, aber weil außerhalb des Hafens dichter Nebel aufgezogen war, machten sie in Staten Island Halt und stachen erst am nächsten Morgen um neun Uhr in See. Man schrieb den 19. Oktober 1865.

Fracht der S.S. Rupublic

Bild: Jonathan Blair Vergrößern

An Bord der "Republic" befanden sich Familien mit Kindern, Armeeoffiziere auf dem Weg zu neuen Posten und Geschäftsleute wie William T. Nichols. In feine Seide gewandet und mit Zylindern auf den Köpfen spielten die Passagiere Karten, sie tranken Wein und genossen voller Freude die warme Seeluft. Ihr Glück war kaum zu fassen - sie hatten den Krieg überlebt.

Dennoch, das Schicksal hatte es mit dem 35-jährigen William T. Nichols nicht gut gemeint. Seine Tochter May war gerade an Typhus gestorben, und er hatte mit Aktien und Termingeschäften am Wollmarkt ein kleines Vermögen verloren. Nun hoffte er auf den Süden. Er plante, von New Orleans nach Texas weiterzufahren, um dort billig Grund zu erwerben.

Brief von William T. Nichols an seine Frau Thyrza und Medaillon mit Bild seiner Frau

Bild: Jonathan Blair Vergrößern

Die Reise machte ihm Mut. "Das Wetter ist herrlich, und das Schiff ist munter unterwegs", schrieb er an seine Frau Thyrza, die in Rutland geblieben war. Am Sonntag, dem 22. Oktober, passierte die "Republic" Cape Hatteras. Am nächsten Tag war der Nordostwind zum Sturm angeschwollen, und als sich das Schiff vor der Küste von Georgia befand, steigerte sich der Sturm zu einem "Bilderbuchhurrikan", wie es Kapitän Edward Young ausdrückte. Er hielt mit Volldampf gen Süden, doch es gab kein Entkommen. Der Anfang vom Ende begann mit einem Schlingern, das beim Abendessen die Tische leer fegte. In der Nacht zum Dienstag stürzten haushohe Wellen auf die Decks des ächzenden Schiffs. Die durchnässten Passagiere kauerten schlaflos in ihren Kojen. In der albtraumhaften Klarheit des nächsten Morgens mussten sie dann mit ansehen, wie die großen Schaufelräder plötzlich stockten. Das Schiff war nun völlig dem Wind ausgeliefert.

Überreste des einstigen Schaufelraddampfers

Bild: Jonathan Blair Vergrößern

Dann spülten die Wellen das Steuerhaus und die Schaufelradkästen davon. Passagiere und Mannschaft warfen Teile der Fracht über Bord, um das Gewicht zu reduzieren. "Ich dachte, so etwas wie Kopflosigkeit hätte ich auf dem Schlachtfeld erlebt", schrieb Nichols später, "doch was sich hier abspielte, war schier unfassbar. Die "Republic" hatte 300 Tonnen Kohle geladen, und während sie von einer Seite zur anderen geworfen wurde, dröhnte das Gemisch von Kohle und Wasser durch das Schiff, als wären die Niagarafälle unter Deck. Gleichzeitig brandete das Wasser von außen gegen die Bordwand, und der Wind heulte durch die Takelage wie ein Chor Meeresungeheuer. Unsere Verzweiflung war auf dem Höhepunkt."


(NG, Heft 9 / 2004)
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