Das neue Armenien

Artikel vom 01.03.2004  —  Autor: Frank Viviano  —  Bilder: Alexandra Avakian

Vier Landkarten haben wir gekauft, und auf jeder sieht der Weg nach Amaras völlig anders aus. Eine davon, so dachten wir, würde zumindest in den Grundzügen stimmen. Unser erfahrener Kaukasusführer Gevorg Melkonian hält jede halbe Stunde am Straßenrand an. Dann starren wir nacheinander auf die Karten und rätseln, wo wir nun eigentlich sind. Es ist hoffnungslos. Alle vier Karten sind Phantasieprodukte, und jedes Straßenschild ist durch Schrapnelle und Panzergranaten bis zur Unkenntlichkeit zerfetzt. Am Ende vertrauen wir nur noch unserem Orientierungssinn und holpern mit zehn Stundenkilometern südwärts, durch Schlammlöcher, die so tief und glitschig sind, dass das Heck von Melkonians Geländewagen in wilden Halbkreisbewegungen ausbricht.

Beim Dorf Matschkalaschen hat sich ein einsamer Bauer mit seinem Maultier an den Pflug geschirrt und wendet fetten, schwarzen Ackerboden. Inmitten knospender Rebstöcke und blühender Aprikosenbäume. In einer zeitlosen Landschaft, stünde da nicht knapp 300 Meter entfernt ein Schild des Internationalen Roten Kreuzes. "Minenfelder", erklärt Melkonian. Dies ist die rebellische Nation Nagorny-Karabach - in den Augen ihrer kampfbereiten 130 000 Einwohner auf ewig armenisch.

Nach internationalem Recht ist dies eine abtrünnige aserbaidschanische Provinz. Nach der eigenmächtigen Deklaration von 1991 handelt es sich hierbei um einen unabhängigen Staat, den keine andere Regierung diplomatisch anerkennt. Und diev Kulisse eines sechs Jahre währenden Konflikts, der rund 25 000 Aseris und 5000 Armenier das Leben kostete - bis 1994 ein Waffenstillstand zu Stande kam, der jedoch immer wieder durch Schießereien gebrochen wird. Dies ist auch ein Sinnbild der armenischen Geschichte, einer 3000-jährigen Chronik von Trotz und Überleben.

In Stepanakert, der größten Stadt Karabachs, haben die Aseris die wichtigste Schule "mit 19 Raketen, vier Artilleriegranaten und neun Bomben getroffen", erzählt mir Karen Andreyan, der Direktor. Wir besuchen eine Klasse von 15-Jährigen, die bei einer militärischen Pflichtübung Kalaschnikows auseinander nehmen und wieder zusammensetzen. Sie brauchen dafür durchschnittlich nur noch 20 Sekunden. Andreyan ist stolz auf sie. Aber noch mehr freut ihn, dass der Betrieb im Krieg weiterging.

"In unterirdischen Tunneln haben wir Literatur, Musik, Mathematik, Naturwissenschaften, Geschichte und Geographie gelehrt." Den Armeniern kommt diese Erzählung sehr bekannt vor. Je länger ich mich in diesem Land bewege, desto deutlicher erkenne ich, dass ich auf meiner Reise ein uraltes Drama erkunde: den Kreislauf von Katastrophe und Erneuerung, verkörpert in der Geschichte Noahs, der dem Alten Testament zufolge nach der Sintflut mit seiner Arche in Armenien an Land ging.


(NG, Heft 3 / 2004)
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