Der Griff nach der Macht

Artikel vom 01.06.2004  —  Autor: Janine Di Giovanni  —  Bilder: Matt Moyer

Nur eine einzige Lampe erhellte das enge Zimmer an der al-Schwader-Straße. Ein dünnes Stück Pappe bedeckte als armseliger Bombenschutz die Fenster. Saddam Husseins Regime war gerade gestürzt worden und der Krieg angeblich vorüber. Aber in diesem Armenviertel von Bagdad herrschte noch immer große Furcht. Es sprach sich schnell herum, dass ich mir Notizen über Verschwundene machte, und rasch füllte sich das Zimmer mit Menschen, die seit Jahren nicht offen über ihre Sorgen gesprochen hatten.

Einer nach dem anderen schlich herein. Sie waren alle Nachbarn und lebten in primitiven Häusern aus Lehm und Backstein, ohne Strom und fließendes Wasser. Ihre Gesichter waren zerfurcht von der Trauer über den Verlust eines geliebten Menschen. Und sie alle klammerten sich noch immer an die schwache Hoffnung, jetzt, da Saddam entmachtet war, ihren Sohn, ihren Vater, ihre Schwester, ihren Bruder wiederzufinden. Von der Straße drang der Lärm von Maschinengewehren herein, abgefeuert von den verbliebenen Kämpfern der Saddam-treuen Truppen. Bei jeder Salve zuckte Badwiya zusammen. Vor zwei Jahrzehnten war ihr Bruder Ghanim Iraabi in der Nähe von Basra verschwunden. "Hier drinnen sind wir sicher, aber draußen...", flüsterte sie mit einem Wink zum Fenster und verstummte.

Draußen, in den Krankenhäusern und Moscheen, mühten sich derweil die Anhänger und Milizen örtlicher Geistlicher, inmitten von Plünderern und Randalierern Ordnung zu schaffen. "Da draußen herrscht der blanke Wahnsinn." Das kleine Haus gehört der Familie von Hilu Issa. Der Student war 25 Jahre alt, als er im Juni 1980 verschwand. Die Nachbarn und Verwandten der Familie erzählten mir einer nach dem anderen ihre Geschichte. Von dem Onkel, der in der örtlichen Moschee feurige Reden gehalten hatte und eines Tages nicht mehr auftauchte. Von mehreren Brüdern, die nie wieder gesehen wurden. Von einem jungen Sohn, dessen Mutter mir sehnsüchtig sagte: "Ich wünschte nur, ich könnte ihn noch einmal spüren. Ihn noch einmal berühren und sehen."

Alle diese Tragödien spielten sich in einer Stadt ab. In einem einzigen Viertel. In nur einer Straße. Die Verschleppten und ihre Familien sind Schiiten. Obwohl die Anhänger dieser muslimischen Glaubensrichtung im Land die Mehrheit stellen, wurden sie unter Saddam brutal verfolgt. Und nach seinem Sturz war es eigentlich kaum vorstellbar, dass die irakischen Schiiten dieses Trauma überwinden und ihre Rachegelüste vergessen könnten.


(NG, Heft 6 / 2004)
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