Der Prinz von Brasilien

Artikel vom 01.07.2004  —  Autor: Hans-Joachim Löwer

Jeden Tag staunten die Einwohner von Recife mehr, was da vor den Toren ihrer Stadt, auf der einstigen Sumpfinsel Antonio Vaz, aus dem Boden wuchs. Da erhob sich ein Prachtpalast mit zwei mächtigen Wachtürmen, gesäumt von Kokospalmreihen, die ein Viereck aus majestätischen Alleen rings um das Bauwerk formten. Da erstreckte sich ein Park mit exotischen Blumen und Tieren, Heil- und Gemüsepflanzen, Tamarinden und Kastanien, Zitrus-, Feigen- und Dattelbäumen. Brunnenwasser sprudelte aus Felsen, in einem See entstanden zwei künstliche Inselchen für Schwäne. Und das Erstaunlichste war: Dieser Lustgarten stand nicht nur den feinen Herrschaften offen, sondern dem ganzen Volk.

Karneval in Rio

Bild: Joao Miguel Jr. Vergrößern

Die Holländer, die das nordöstliche Brasilien seit Anfang des 17. Jahrhunderts den Portugiesen Stück um Stück entrissen, wollten mit ihrer neuen Kolonie auftrumpfen. Recife, das armselige Kolonialnest, bekam mit einem Male Glanz. Neue Straßen und Plätze wurden gepflastert, Häuser im holländischen Stil gebaut, die korrupte Verwaltung gesäubert. Eine Brücke über die Mündung des Rio Capibaribe verband den Hafenort mit der Insel, auf der eine völlig neue Residenzstadt entstand. Sie trug den Namen des Mannes, der gerade mal Mitte 30 war und sich dennoch schon ein Denkmal setzen wollte. Maurícia hieß sie auf Portugiesisch, Mauritsstad auf Holländisch, Moritzstadt hätte die deutsche Übersetzung gelautet. Der vollständige Name des agilen Gouverneurs, der hier seit 1637 regierte, hätte den Mestizen und Mulatten, den einheimischen Indios und den importierten schwarzen Sklaven mit Sicherheit die Zungen gebrochen. Er hieß Johann Moritz von Nassau-Siegen, stammte aus dem Hessischen - und spielte hier die Rolle seines Lebens.

Für seine Untertanen war der deutsche Graf schlicht der "Prinz". Als Herr über den 1500 Kilometer langen Küstenstreifen tat er alles, um sich dieses Titels würdig zu erweisen. Er schlug in Brasilien noch ein paar Schlachten gegen die Portugiesen, um die Neuerwerbung zu konsolidieren. Er schickte Schiffe nach Afrika, um dort den Portugiesen auch noch die Häfen Luanda und Benguela in Angola, Adras, Minas und Calabares an der Goldküste abzunehmen - so sicherte er den Nachschub an Sklaven, den die Kolonialherren brauchten, um mit ihren Zuckerplantagen das große Geld zu machen.

Die Holländische Westindien-Kompanie, die ihn angeheuert hatte, hoffte dank dieses Energiebündels mit ihrer neu eroberten Kolonie, die bisher nur Geld gekostet hatte, endlich mal schwarze Zahlen zu schreiben. Zwar musste sie den "Prinzen" fürstlich honorieren, monatlich 1500 Gulden Salär, dazu 6000 Gulden Aufwandsentschädigung, dazu je ein bezahlter Sekretär, Leibarzt und Pfarrer. Aber der Deutsche trug dazu bei, die Niederlande zur führenden Macht des 17. Jahrhunderts zu machen. Der Mann war offensichtlich sein Geld wert.


(NG, Heft 7 / 2004)
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