Der Rausch der wilden Schlucht

Artikel vom 01.04.2004  —  Autor: David Quammen  —  Bilder: Mark Gamba

Das Leben ist kurz, und der Grand Canyon ist lang, wenn man ihn mit einem Kajak befährt. Von Lees Ferry windet sich der Colorado 363 Kilometer durch eine urwüchsige Felslandschaft bis zum Diamond Creek in der Indianerreservation Hualapai. Auf dieser Strecke lassen sich der Zauber und die Wucht erfahren, die diese Schlucht großartiger machen als alle anderen solcher Landschaften in der Welt. Ein Kajak ist weitaus beweglicher als jedes andere Wasserfahrzeug. Der Preis dafür: Es ist ziemlich instabil. Es verstärkt das Gefühl einer engen Interaktion zwischen Fahrer und Fluss - reizvoll für jeden, der den chaotischen Grenzbereich zwischen innerem Gleich- und Ungleichgewicht erforschen will. Das ist es, worum es mir bei diesem Abenteuer geht.

Wir brechen Anfang September auf. Die Tage werden bereits kürzer, doch am Nachmittag steht die Sonne noch so hoch, dass die Felsen in den tiefsten Tiefen des Canyons bis zum Abend Wärme abstrahlen wie frisch gebackenes Brot. Wir sind 16 Leute. Sieben sitzen in Kajaks, der Rest fährt in Schlauchbooten. Es ist ein bunter Haufen aus alten Freunden und neuen Bekannten. Cyndi und Bob Crayton sind die Organisatoren und Anführer. Bob Crayton ist vor 20 Jahren zum ersten Mal durch den Grand Canyon gefahren. Danach heiratete er Cyndi, und die wollte, dass er diese Tour zusammen mit ihr wiederholte. Nach der Geburt des zweiten Kindes beantragte sie die Genehmigung. Die Verwaltung des Nationalparks Grand Canyon gestattet nicht mehr als 273 private Touren pro Jahr, und die Warteliste ist ziemlich lang. Elf Jahre nach Antragstellung aber war es so weit: Cyndi und Bob, der 16-jährige Sohn Chase und die zwölfjährige Tochter Kinsey bilden den Kern unserer Expedition. Laut Genehmigung haben wir 18 Tage Zeit. Das Wasser ist graugrün wie Schiefer und noch flach. Wir sehen mehrere weibliche Dickhornschafe, die friedlich auf einer Sandbank am rechten Ufer grasen. Ein Amerikanischer Graureiher steht mit der kalten Würde eines Pterodaktylus auf einem hohen, steilen Felsen. Am Ufer fliegt ein Königsfischer die Figuren, für die diese Vögel berühmt sind.

In den aufragenden Felswänden sind die übereinander liegenden Gesteinsschichten durch Farbe und Struktur deutlich voneinander abgesetzt: Kaibab, Toroweap, Coconino, Hermit-Schiefer, Supai-Gruppe, Redwall-Kalkstein, Muav-Kalkstein, Bright-Angel-Schiefer, Tapeats-Sandstein. Der Fluss ist ein Weg durch den Fels. Der Fels ist ein Weg durch die Zeit. Die Zeitspanne, die sich in den freigelegten Gesteinsformationen des Grand Canyons manifestiert, ist so gewaltig, dass sie unser Vorstellungsvermögen fast übersteigt. Sie umfasst mehr als ein Drittel des Erdalters.


(NG, Heft 4 / 2004)
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