Vergrößern
550 Kilometer vor Neufundland, in der unheimlichen Weite auf dem Grund des Ozeans: Am meisten erschüttert mich das Trümmerfeld. Die Menschen, die hier am 15. April 1912, in den kalten, frühen Morgenstunden, den Tod fanden, sprechen wieder zu mir. Einige noch verkorkte Flaschen Champagner liegen am Boden. Sie erinnern daran, dass die "Titanic" ein schwimmender Palast war. Die Kiste, in der sie einst lagerten, ist allerdings längst verschwunden - holzfressende Weichtiere haben sie verspeist. Dann sehe ich einen Frauenschuh. Nicht weit davon liegen drei Kämme, ein Paar kleinere Schuhe, vielleicht die eines Kindes, und ein Handspiegel. In ihrer Nachbarschaft entdecke ich weitere Schuhe, außerdem einen Gegenstand, der aussieht wie der schwarze Regenmantel eines Matrosen.
  Vergrößern
Wie gelangten diese Gegenstände zueinander? Gehörte der Frauenschuh einer Mutter, die das schöne, lange Haar ihrer Tochter kämmte? Wie sah das Gesicht des Mädchens aus, als es in den Spiegel blickte? Zwei Schuhe können nicht unabhängig voneinander 3800 Meter in die Tiefe sinken und dann in dieser Anordnung landen. Sie müssen gemeinsam hier angekommen sein. Vor 19 Jahren entdeckte ich als Mitglied eines französisch-amerikanischen Forschungsteams die "Titanic". Nun bin ich an diesen Ort zurückgekehrt, um zu sehen, wie sich das Wrack verändert hat. Ich weiß, dass sich das private Bergungsunternehmen RMS Titanic - ganz legal - bereits Tausende von Gegenständen angeeignet hat. Von einer Stätte, die ich als Grabmal ansehe. Und nicht nur das: Als Mitarbeiter der Firma ein schweres Schiffsteil an die Wasseroberfläche zu hieven versuchten, umkreisten sogar Kreuzfahrtschiffe den Ort.
  Vergrößern
Der Hollywoodregisseur James Cameron und andere besuchten das Wrack mit russischer Hilfe und brachen damit ebenfalls keine Gesetze. Allerdings heißt es, manche dieser U-Boote seien mit dem Schiffsrumpf kollidiert. Eine Brauerei veranstaltete ein Gewinnspiel, bei dem die Sieger der Bergung von Bierflaschen beiwohnen durften. Und ein Hochzeitspaar aus New York landete in einem Tauchboot auf dem Vorschiff und gab sich dort das Jawort. Es ist also genau das eingetreten, was ich befürchtet habe. Ich hatte eindringlich darum gebeten, den Überresten der "Titanic" mit derselben Pietät zu begegnen wie der Arizona - einem der amerikanischen Schlachtschiffe, die am 7. Dezember 1941 in Pearl Harbor auf Hawaii von japanischen Fliegern angegriffen wurden.
Sechs von ihnen überstanden die Attacke, die "Arizona" jedoch sank, 1177 Mann Besatzung fanden den Tod. Auf der Wasseroberfläche über dem Wrack wurde eine nationale Gedenkstätte errichtet, die jedes Jahr anderthalb Millionen Besucher anzieht. Tauchern ist es aus Gründen der Sicherheit, aber auch aus Pietät verboten, die halb zerfallene "Arizona" zu betreten. Aus der "Titanic" hat man dagegen eine Jahrmarktsattraktion gemacht.
DISQUS ist ein Angebot von disqus.com und unabhängig von nationalgeographic.de - siehe insoweit die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion
blog comments powered by Disqus