Die idealen Indianer

Autor: Siebo Heinken

So hatte sich Johan Adrian Jacobsen den Auftritt der Indianer nicht vorgestellt. "Leider sollte Hagenbeck Recht darin behalten, dass eine Truppe Rothäute schwer zu beherrschen ist", notierte der Impresario des Hamburger Tierparks verärgert. "Der Häuptling Thomas American Horse, der doch die Aufsicht über die Leute haben sollte, war der Schlimmste. Sobald es dunkel wurde, kletterten er und ein paar andere junge Leute über das Eisengitter, wo er oft von irgendeiner Hamburger Schönheit erwartet wurde." Und überhaupt musste man jeden Abend den Tierpark nach deutsch-indianischen Liebespaaren absuchen. Es reichte. Der Galan musste seine Sachen packen und wurde zurück nach South Dakota expediert.

Der großen Völkerschau in Hamburg tat das keinen Abbruch. Rund 1,1 Millionen Menschen strömten im Sommer 1910 in Carl Hagenbecks Tierpark im Stadtteil Stellingen, um in einer nachgebauten Reservation samt Handelsposten, Tipis und Blockhäusern auch 42 leibhaftige Indianer zu erleben. Cowboys und Männer wie Edward Two-Two, stolz und federgeschmückt und stets bereit, den weißen Mann zu skalpieren. Im Hamburger Fremden-Blatt las sich das so: "Es wird Nacht. Man sieht die alte Postkutsche von anno dazumal, von vier Maultieren gezogen, einsam durch die schwarzen Berge ziehen. Eine Horde von Indianern überfällt die Post, wie es 1000-mal geschehen ist. Auch der einsame Squatter in seiner Felsenwohnung wird in den Kampf verwickelt." Die Hamburger schauderte es.


(NG, Heft 9 / 2004)
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