Die Jagd auf Tornados

Artikel vom 01.04.2004  —  Autor: Priit J. Vesilind  —  Bilder: Carsten Peter

Es ist gerade Abendessenszeit am 24. Juni 2003, als das komplette Dörfchen Manchester im amerikanischen Bundesstaat South Dakota in die Luft geht. Wände und Dächer, Schuppen und Zäune, Fernseher, Kühlschränke und Tische samt Essen werden in den einen Kilometer breiten Trichter eines Tornados gesogen. Mit 320 Stundenkilometern fegt der Wirbelsturm die Gebäude aus der Landschaft. Etwa zwei Kilometer weiter nördlich zieht der 36-jährige Rex Geyer die Vorhänge seines Schlafzimmers im ersten Stock beiseite und sieht, wie Manchester einfach verschwindet. Er ist wie gelähmt. Auch der Tornado scheint stillzustehen; er bewegt sich weder nach rechts noch nach links. Es dauert einen Moment, ehe Geyer begreift: Der Sturm rast nun genau auf ihn zu.

Kurz zuvor hatte er sich mit seiner im achten Monat schwangeren Frau Lynette zum Essen hingesetzt. Es gab Brathähnchen. "Wir hatten von den wüsten Tornados in Woonsocket gehört, wo Lynette herkommt", erzählt er später. "Wir hatten ein Auge auf den Fernseher, und ich blickte nach draußen und sagte: 'Hm, so übel sieht?s eigentlich gar nicht aus.'" Aber jetzt fällt der Regen wie ein Wasserfall und verdeckt den Monstersturm, der auf Geyers einstöckiges Bauernhaus zuhält. Sein Bruder Dan, der ein Stück entfernt wohnt, stürmt ins Haus. "Er riss fast die Fliegengittertür aus den Angeln und rief: 'Wir müssen in den Keller!' Aber ich sehe bloß die Trümmer von Manchester und denke, im Keller überleben wir nicht. Also stürzen wir alle in Dans Auto." - "Soll ich das Licht und den Fernseher ausmachen?", fragt Lynette. Sie hat den Sturm noch nicht gesehen. "Nein! Wir müssen los! Sofort!" Sie lassen alles zurück außer einem Handy.

Während sie fliehen, rasen auf einem Feldweg zwei Autos in die entgegengesetzte Richtung, direkt auf den Tornado zu. Tim Samaras, ein Elektronikingenieur aus Denver, und sein Kollege Pat Porter sitzen in dem Kleintransporter. Sie haben sechs Sonden an Bord. Die auch "Schildkröten" genannten flachen Metallscheiben sehen aus wie fliegende Untertassen und sind 20 Kilogramm schwer. Mit ihren eingebauten Sensoren messen sie die Windgeschwindigkeit und -richtung eines Tornados; außerdem Luftdruck, Luftfeuchtigkeit und Temperatur. Samaras hat sich zur Aufgabe gemacht, die Sonden in der Bahn eines Wirbelsturms zu platzieren. Er hofft, dass sie überleben - sowohl er als auch die Messinstrumente.

Der Fotograf Carsten Peter hängt halb aus dem Fenster des zweiten dahinrasenden Autos. Am Steuer sitzt der erfahrene Sturmjäger Gene Rhoden. Die beiden haben eine andere Sonde dabei. In einem pyramidenförmigen Aluminiumbehälter stecken eine Videokamera und drei Fotoapparate mit Weitwinkeloptik. Das Team hat ihn "Blechmann" getauft, nach der Figur aus dem "Zauberer von Oz". Noch nie hat jemand das Innere eines Tornados gefilmt: dort, wo der Wind den Asphalt von der Straße reißt und Holzsplitter wie Nägel in Baumstämme rammt. Peter will der Erste sein.


(NG, Heft 4 / 2004)
Extras
  • Artikel bookmarken
  • Firefox
  • IE
  • del.icio.us
  • Mister Wong
  • Yahoo MyWeb
  • Google
Userkommentare

DISQUS ist ein Angebot von disqus.com und unabhängig von nationalgeographic.de - siehe insoweit die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion

blog comments powered by Disqus