Die Megatour

Artikel vom 01.04.2004  —  Autor: Charles Graeber  —  Bilder: Anne Sherwood

Alles, was man wissen muss, habe ich mir angelesen. Die Landschaft des Glacier National Park entstand vor 100 Millionen Jahren. Damals begann die Pazifische Platte, eine knapp 500 Kilometer lange proterozoische Meeresbodenplatte hochzuheben und über jüngeres kretazisches Gestein zu schieben. Danach gingen die Gletscher an die Arbeit, räumten Täler aus, schufen mehr als tausend Seen und Flüsse und Gipfel bis zur Höhe des Matterhorns. Heute gibt es in dem Park mit seinen 5666 Quadratkilometer Rocky Mountains etwa 1170 Straßenkilometer, einen Highway und zwei öffentliche Duschen. Ich habe die Geschichte der Straßen und Wege im Gepäck, Texte zur Geologie, Lehrbücher zur Bestimmung von Pflanzen und Tieren, Reiseführer und Internet-Ausdrucke, dazu ein paar Kapitel Philosophie, damit die Geisteswissenschaften nicht zu kurz kommen. Und so stehe ich nun auf dem Parkplatz des West Glacier in Montana, mit dieser Bibliothek - zusammengehalten mit starkem Klebeband, verstaut in einer Packtasche - auf meinem gemieteten 27-Gang-Bianchi-Tourenbike. Dazu Campingausrüstung, Werkzeug und Unterwäsche zum Wechseln.

Mein Ziel ist drüben in Kanada: der Icefields Parkway und die Stadt Jasper. Dazwischen liegen mehr als 950 Kilometer, fünf Nationalparks, drei Überquerungen der Kontinentalen Wasserscheide und drei Wochen Zeit. Als ich meinem alten Collegefreund Robin Petravic die Reise vorschlug, hörte sie sich ganz einfach an. USA, Kanada, die Rockys, alles mit dem Fahrrad, eine saubere Sache, großartig und poetisch. Wir würden die Welt mit den Augen von Vagabunden sehen, wie Landstreicher oder Seefahrer von Anno dazumal. Ich hatte zwar kein Fahrrad, kein passendes Schuhwerk, kein Trikot, auch nicht diese kleinen Handschuhe mit den falschen Fettpölsterchen in den Handflächen. Und, was das Wichtigste war, absolut null Straßentraining. "Aber ich schaffe das schon", sagte ich. Schließlich kann man sich nicht mit Kleinigkeiten aufhalten, wenn man große Pläne hat. "Wir fahren eben langsam."

Leicht schwindlig entferne ich die Schildchen von Handschuhen und Helm. Alles neu. Innerhalb einer Stunde habe ich raus, wo Bianchi die Schalthebel versteckt hat. Wir verlassen die roten Zedernufer des Lake McDonald und fahren in die höher gelegenen Bergwälder mit Drehkiefern, Eschen und Fichten. Raue Gebirgslandschaften ziehen an uns vorbei, wie ein nahtloser, stachelig grüner Teppich erheben sich darüber die scharfkantigen Schutzwälle von erodiertem prähistorischem Meeresboden. Mein monatelanges "Trockenreisen" mit Büchern zahlt sich aus. Im Fahren zeige ich auf kohlartige Klumpen fossiler Algen und eine Milliarde Jahre alte Formationen, die von Gezeiten geschaffen wurden. Ich erkenne U-Täler und von Gletschern gehobelte Talkessel, Toteisseen und Seitenmoränen. Wie versprochen, führt die Going-to-the-Sun Road in den Himmel. Wir asten fröhlich die sechsprozentige Steigung hinauf, fahren um die Wette und singen. Die Gänge klicken, der Wind bläst, die Wälder hallen wider von unserem naiven, durch Adrenalin aufgeputschten Lachen.


(NG, Heft 4 / 2004)
Extras

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