Die Phönixinseln

Artikel vom 01.02.2004  —  Autor: Gregory S. Stone  —  Bilder: Paul Nicklen

Seeschwalben kreisen über der Insel Kanton und begrüßen den Morgen mit hohen, durchdringenden Schreien. Jenseits des flachen, sandigen Atolls erstreckt sich die unendliche Weite des Südpazifiks. Es ist 6.30 Uhr. Die Biologen David Obura, Sangeeta Mangubhai und Mary Jane Adams sowie die Tauchmeisterin Cat Holloway und ich sitzen auf dem Schwimmer des sanft schaukelnden Taucherboots. "Das ist eindeutig die richtige Stelle", sagt Obura. "Hoffentlich sind sie auch da." Ich beiße auf den Atemregler, greife meine Unterwasserkamera und lasse mich rückwärts in den schmalen Eingang zur Lagune fallen. Die anderen folgen. Wir tauchen 20 Meter tief, bis zum Boden. Die Morgensonne durchflutet das Wasser und lässt die gelben, grünen und purpurfarbenen Korallen aufleuchten. Ein Mantarochen und eine Suppenschildkröte stöbern ganz in der Nähe herum, als wollten sie uns neugierig betrachten.

Plötzlich kommt Bewegung in das Wasser. Zunächst - beinahe unmerklich - werden unsere aufsteigenden Luftbläschen leicht abgelenkt. Die Strömung wird kontinuierlich stärker. Dann weicht die friedliche Stille einem lauten Brausen; Ebbe hat eingesetzt, und der Tidenhub presst das Wasser durch den Laguneneingang in den Ozean hinaus. Das ist das erwartete Zeichen: Ganz in unserer Nähe sammelt sich ein Schwarm von vielleicht 5000 Exemplaren des Hipposcarus longiceps, einer Papageifischart. Unsere Haare flattern und schwappen in der reißenden Strömung. Wir klammern uns an die Felsen - ließen wir los, würden wir hinausgezerrt.

Die ungefähr 30 Zentimeter langen Fische drängen sich enger zusammen. Nun beginnt das Schauspiel, das wir uns ansehen wollten: das periodische Laichen der Papageifische. Einige Tiere innerhalb des Schwarms schwimmen jetzt noch schneller und beginnen zu beben. Das ist das Signal für alle anderen, in Spiralbewegungen aufwärts zu schwimmen. Dabei stoßen sie explosionsartig Eier und Sperma aus - wie lauter kleine Feuerwerke. Während ich vom Meeresboden aus zuschaue, zieht ein riesiger Schatten über mich hinweg. Ein Mantarochen - er mag eine halbe Tonne wiegen - schwebt direkt über mir. Merkwürdig unberührt frisst er in aller Ruhe von den Eiern und dem Sperma.

Mit Motor- und Segelkraft waren wir in fünf Tagen von den Fidschiinseln zum Phönixarchipel gefahren. Die acht kleinen Inseln verteilen sich über eine Fläche von 65 000 Quadratkilometern - etwa einem Fünftel des Gebiets des Großen Barriereriffs vor Australien - und gehören zum mikronesischen Staat Kiribati. Mit einem elfköpfigen wissenschaftlichen Expeditionsteam wollen wir die Artenvielfalt des letzten noch unerforschten Korallenarchipels der Weltmeere untersuchen.


(NG, Heft 2 / 2004)
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