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Wir kennen weder seinen Namen noch seinen Wohnsitz, geschweige denn sein Schicksal. Aber der Künstler, der vor 3600 oder 3800 Jahren die "Himmelsscheibe" von Nebra schmiedete, muss ein bedeutender und kundiger Mann gewesen sein, eingeweiht in die Geheimnisse der Metalle, ihre Eigenschaften und Mischungsverhältnisse. Er wusste, wie der Guss zu bereiten war. Wusste, dass er nur wenig von dem kostbaren Zinn dem Kupfer beigeben durfte, um die Bronze zäh und geschmeidig werden zu lassen. Es war ein heiliger Akt, den er ausführte, denn er formte ein Abbild des Nachthimmels.
Vollmond, Sichelmond und Sterne fügte er in Gold hinzu, das er in einer speziellen Einlegetechnik, Tauschieren genannt, einarbeitete. Laut Brockhaus 500 Jahre zu früh, denn angeblich kannte man diese im östlichen Mittelmeerraum beherrschte Fertigkeit hier noch nicht. Dass diese Annahme falsch ist und unser Handwerker stattdessen von einem frühen Technologietransfer profitierte - das ist die erste Sensation dieser Scheibe. Auf dem Mittelberg, nahe dem Städtchen Nebra in Sachsen-Anhalt, haben die Archäologen die Grube freigelegt, in der sich nach Aussage der Raubgräber die Scheibe fand.
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Ein idyllischer Ort, waldbestanden und mit seinen gerade mal 252 Metern eher ein Hügel als ein Berg. Die Kuppe war später, in der Eisenzeit, von einem kreisförmigen Wall von 160 Meter Durchmesser eingefasst worden, um das Heilige vom Profanen zu unterscheiden. Aber bereits sehr lange zuvor, möglicherweise schon in der Zeit um 5000 v. Chr., hatten Menschen den Mittelberg begangen und auch genutzt. "Das hier war ein Beobachtungsplatz", ruft Harald Meller, der Landesarchäologe von Sachsen-Anhalt. Denn vom Mittelberg aus ist zu sehen, wie zur Sommersonnenwende am 21. Juni das Gestirn genau hinter dem 80 Kilometer entfernten Brocken im Harz untergeht. "Denken Sie sich einfach die Bäume weg. Im weiten Umkreis war damals alles kahl geschlagen", fährt Meller fort und hält eine Nachbildung der Himmelsscheibe waagrecht vor sein Gesicht, um den Berg anzupeilen.
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So taten es wohl auch die Priester der Bronzezeit. Drei Tage zuvor hat mir Wolfhard Schlosser an der Universität Bochum eine ähnliche Vorstellung geboten. Er ist Astronom und Spezialist für vorzeitliche Sternenkunde. Seit Jahrzehnten beschäftigt er sich mit prähistorischen Kreisanlagen und hätte nie zu hoffen gewagt, dass man eines Tages das "Benutzerhandbuch", wie er es nennt, dazu finden könnte. Das ist nun die zweite Sensation: "Zum ersten Mal sind uns nicht nur Steinsetzungen wie etwa das Stonehenge in England überliefert", sagt Schlosser. "Endlich haben wir auch eine Gebrauchsanweisung, die uns den Zweck der Anlage verstehen hilft.
Die Scheibe ist eine Festplatte, ein Datenspeicher der Bronzezeit, ihrer Kultur und ihrer religiösen Vorstellungen." Die Bedeutung der Scheibe lasse sich gar nicht hoch genug einschätzen, meint Meller. Diese "weltweit älteste konkrete Abbildung des Sternenhimmels" werfe ein ganz neues Licht auf die bronzezeitliche Kultur in Mitteleuropa - gerade auch im Vergleich zu den gleichzeitig existierenden Hochkulturen in Ägypten und Mesopotamien, zu den Palastkulturen auf Kreta und im mykenischen Griechenland.
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