Auf meinen Forschungsreisen im Norden von Tansania bin ich oft Menschen vom Volk der Tatoga begegnet, deren wichtigste Gruppe die etwa 50 000 Barabaig sind. Wo immer ich die Tatoga sehe, freut es mich, mit welchem Selbstbewusstsein und welch aufrechter Haltung sie trotz krasser Ausgrenzung im modernen Tansania an ihrem traditionellen Lebensstil festhalten und mit welcher Selbstverständlichkeit sie Teile der Moderne in die eigenen Lebensgewohnheiten integrieren. So kann man Gruppen hochgeschossener Barabaig-Männer antreffen, die in traditionellen Gewändern stolz durch die Randbezirke der Stadt Kondoa laufen, an den Füßen Sandalen aus Autoreifen. Viele Tatoga tragen nach wie vor ihre Speere. Und nur, wenn sie entfernt lebende Verwandte besuchen, benutzen sie öffentliche Verkehrsmittel. Von Ziegen, Hühnern, gerösteten Vögeln bis hin zu leckgeschlagenen Benzinkanistern wird in den Überlandbussen alles als Handgepäck toleriert - außer den Speeren vereinzelt mitreisender Tatoga. Diese Waffen müssen "aus Sicherheitsgründen" auf dem Dach festgezurrt werden.
Im wirtschaftlichen und kulturellen Leben der nomadischen Barabaig spielt das Rind die Hauptrolle. Das Melken ist Aufgabe der Frau, und die Milch daher ihr Eigentum. Allerdings müssen sie für ihre Männer immer mit Milch gefüllte Kalebassen bereithalten. Der Rahm dient weniger der Ernährung, sondern vielmehr als Medizin und zur Pflege der traditionellen Lederkleidung. Ein fettglänzender Umhang gilt in diesem Volk als Zeichen von Wohlstand. Das zweite wichtige Nahrungsmittel, vor allem in der Trockenzeit, ist Rinderblut. Es ist immer verfügbar. Aus geringer Entfernung wird ein Pfeil auf die Halsvene des Tiers abgeschossen. Er ist so konstruiert, dass die kurze, halbkreisförmig aus dem Schaftende herausragende Klinge die Ader zwar öffnet, aber nicht durchtrennt. Der Hals wird mit einem Riemen stramm umschnürt, so dass das Blut in starkem Strahl herausströmt. Bei einem einzigen Aderlass können die Hirten einem Tier bis zu drei Liter Blut abzapfen. Rinder stellen nicht nur die Hauptnahrungsmittel - wenngleich ihr Fleisch nur selten gegessen wird -, sondern auch das wichtigste Material für die Lederzelte und die Lederbekleidung der Barabaig. Die Rinder sind das Maß aller Dinge. Reichtum und Armut werden nach ihrer Anzahl bemessen.
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