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Der Wald atmet. Die späte Sommersonne leuchtet durch das grüne Blätterdach, als Steven Wofsy einen Schuppen im Wald von Massachusetts aufsperrt und einen mit Computermonitoren voll gestopften, von Kabeln durchzogenen Raum betritt. Die Apparate wachen über die Lebensfunktionen in einem kleinen Abschnitt des Harvardwalds. Rote Ziffern flackern auf einer Anzeige. Sie informieren Wofsy, einen Atmosphärenforscher an der Harvard-Universität in Cambridge, über die Konzentration von Kohlendioxid (CO2) über den Baumspitzen in der Nähe des Schuppens.
Dort schnüffeln Instrumente auf einem 30 Meter hohen Turm in der Luft. Für den Anfang des 21. Jahrhunderts sind die Werte niedrig: etwa 360 ppm. Die Abkürzung ppm steht für parts per million und bedeutet: 360 Teile CO2 in einer Million Teilen Luft. Das sind zehn Teile weniger als im derzeitigen weltweiten Durchschnitt. Der Grund für die geringere CO2-Konzentration sind die Bäume. Sie atmen in der Sonne Kohlendioxid ein, den Nährstoff für ihr Wachstum. Ähnliche Apparaturen und Türme wie in Massachusetts stehen über ganz Europa verteilt. Zum Beispiel in Thüringen, im Nationalpark Hainich.
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Europäische Kollegen Wofsys - Biologen und Ökologen, Meteorologen und Mathematiker von 69 Forschungsinstituten aus 15 Ländern - messen und überwachen im Rahmen des Projekts CarboEurope den Austausch von Kohlenstoff zwischen den Wäldern und der Umwelt. Koordiniert wird es vom Max-Planck- Institut für Biogeochemie in Jena. Mit ihrem CO2-Verbrauch machen Kiefern, Eichen, Buchen und Ahorn einen winzigen Teil jener Veränderung des weltweiten Klimasystems wieder rückgängig, die von der industrialisierten Menschheit verursacht wird. Ob wir das Auto anlassen, Licht einschalten oder die Heizung höher drehen - jede Handlung führt der Atmosphäre mehr CO2 zu. Es stammt aus der Kohle, dem Öl und dem Erdgas, mit denen die Wirtschaft angetrieben wird. Ein durchschnittlicher Bewohner der Vereinigten Staaten erzeugt jährlich mehr als 20 Tonnen CO2, also 20-mal so viel wie die meisten Menschen in den Entwicklungsländern. Und rund doppelt so viel wie ein deutscher Energieverbraucher. Den Kohlenstoff im CO2 atmeten Pflanzen vor Hunderten von Millionen von Jahren ein.
Im Verlauf der Erdgeschichte verwandelte sich ihre Biomasse in Kohle, Öl und Gas. Jetzt kehrt er durch Schornsteine und Auspuffrohre in die Atmosphäre zurück. Dort vereinigt er sich mit den Emissionen aus den ärmeren Ländern, in denen die Menschen ihre Wälder brandroden. Das Gas Kohlendioxid ist einer der Hauptverursacher des so genannten Treibhauseffekts. Andere sind Methan, das von Rindern, Reisfeldern und Deponien aufsteigt, sowie das FCKW aus Kühlschränken und Klimaanlagen. Kaum ein Wissenschaftler bezweifelt heute noch, dass die Zunahme dieser Gase in der Atmosphäre seit ein paar Jahrzehnten die Temperatur weltweit steigen lässt.
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Die Gletscher schmelzen, der Meeresspiegel steigt, und im Frühjahr treiben die Pflanzen jedes Jahr etwas eher aus. Während aber nun nach neuesten Zahlen der Anstieg von Methan und FCKW gestoppt zu sein scheint, steigt der Ausstoß von CO2 ungebremst weiter. Jahr für Jahr bläst die Menschheit etwa acht Milliarden Tonnen Kohlenstoff in Form von CO2 in die Atmosphäre. Davon stammen etwa 6,5 Milliarden Tonnen aus fossilen Brennstoffen, der Rest gelangt durch Abholzung und Brandrodung der Wälder in die Luft. Weniger als die Hälfte dieser Menge, nämlich 3,2 Milliarden Tonnen, verbleibt in der Atmosphäre und heizt die Erde. Wo ist der Rest?
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