Ein Fenster in die Geschichte

Artikel vom 01.11.2004  —  Autor: Siebo Heinken

Diese Katastrophe war ein Glück für die Archäologie. Irgendwann im 16. Jahrhundert v. Chr., in der Bronzezeit, ging in der hethitischen Hauptstadt Hattuscha in Kleinasien ein Getreidelager in Flammen auf. Ein Drama: Der Inhalt - Tausende Tonnen von Einkorn und Gerste - war mühevoll aus größerer Entfernung in den Silokomplex geschafft worden und konnte kaum ersetzt werden. Im Sommer 2000, dreieinhalb Jahrtausende später, stieß ein Forscherteam des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) auf die Überreste dieses Gebäudes - und auf eine große Menge verkohlten Korns. Wozu diente es einst, als Nahrung für die Menschen, als Futter für Tiere? Gab es Schädlinge? Wie gut verstanden sich die Hethiter überhaupt darauf, Vorräte zu lagern? Der weltweit einmalige Fund von Hattuscha wurde auch zum Fall für die Archäobotaniker.

Ausgrabung am Burgbergs von Pergamon

Bild: Athen. Archiv der Pergamongrabung, Deutsches Archäologisches Institut, Inst.-Neg. 1290 Vergrößern

"Das Getreide ist säckeweise bei uns angeliefert worden", erinnert sich Viola Podsialowski in ihrem Labor in Berlin-Dahlem und blickt vom Mikroskop auf. Daneben steht ein Schälchen mit einer Hand voll schwarzer Körner aus einer anderen Ausgrabungsstätte. Mit der Pinzette legt die technische Assistentin ein Korn nach dem anderen unter das Objektiv, bestimmt es und sortiert es in eine Reihe von Röhrchen. Wenn sie unsicher ist, vergleicht sie den Fund mit den rund 4000 Arten von Körnern, Samen und Hülsenfrüchten, die in Schubkästen im Raum nebenan aufbewahrt werden. Eine minutiöse Arbeit - aber eine, die ihr und dem Archäobotaniker Reinder Neef tiefe Einblicke in die Vergangenheit ermöglicht. Welche Pflanzen wuchsen vor 800, 2000 oder 5000 Jahren? Wovon ernährten sich die Menschen, und unter welchen äußeren Bedingungen lebten sie? "Ohne die Naturwissenschaften wäre unsere Arbeit gar nicht mehr denkbar", erklärt Hermann Parzinger, der Präsident des Deutschen Archäologischen Instituts. "Ohne sie ließen sich viele der archäologischen Fragestellungen nicht so umfassend beantworten. Sie helfen uns dabei, Geschichte zum Sprechen zu bringen."

Projekte des Deutschen Archäologischen Instituts

Bild: Christian Pinson/Sipa, Krause/LAIF; Gianni Dagli Orti/Corbis, Marc Deville/Gamma/Studio X, Römisch Germanische Kommission des DAI/Frankfurt/J. Bahlo, Werner Otto Vergrößern

Archäologie ist die hohe Kunst, vergangene Zeit über Objekte zu rekonstruieren. Als am 21. April 1829 in Rom eine kleine Gruppe europäischer Gelehrter, Künstler und Diplomaten um den Philologen Eduard Gerhard zusammenkam und das Istituto di Corrispondenza Archeologica gründete, richtete sich ihr Augenmerk vor allem auf die griechische und römische Antike. Ihr Vorbild war der Gelehrte Johann Joachim Winckelmann aus Stendal, der Mitte des 18. Jahrhunderts zunächst als Skriptor der Vatikanischen Bibliothek tätig gewesen war und dann die Aufsicht über Altertümer in und um Rom hatte. Winckelmann gilt als Begründer der modernen Kunstwissenschaft und der Archäologie als wissenschaftliche Disziplinen. Wie, so fragten sich Gerhard und seine Kollegen ein halbes Jahrhundert später, kann man Erkenntnisse über das klassische Altertum sammeln? Wie die Entdeckungen in Italien und Griechenland, die ägyptischen und orientalischen Altertümer einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen? Dies blieben die zentralen Fragen - auch nachdem das überwiegend von Preußen finanzierte Institut 1871 zunächst preußische Staatsanstalt wurde und wegen seiner Bedeutung für die auswärtige Kulturpolitik drei Jahre später als Deutsches Archäologisches Institut dem Außenministerium des Deutschen Reichs unterstellt wurde.

Ausgrabung einer Römeranlage (links), Akropolis (rechts oben), Jahrestäfelchen

Bild: Deutsches Archäologisches Institut, Kairo (rechts unten), Münster und Römisch-Germanische Kommission des DAI (links), Tophoven/LAIF, Westfälisches Museum für Archäologie Vergrößern

Zu dieser Zeit suchte der deutsche Großkaufmann und Millionär Heinrich Schliemann auf dem Hügel Hisarlik an der türkischen Westküste nach Homers Troja und 1878 begannen im Auftrag der Königlichen Museen zu Berlin in der westlichen Türkei die Ausgrabungen des hellenistisch-römischen Burgbergs und der Metropole Pergamon, deren Altar alsbald zu den Prunkstücken des gleichnamigen Museums in Berlin zählen sollte. Troja und Pergamon, Rom und Olympia, Milet und Babylon, Uruk in Südmesopotamien und das Tal der Könige in Ägypten - die Grabungserfolge von Wissenschaftlern des Deutschen Archäologischen Instituts, der Deutschen Orient-Gesellschaft und anderer Forscher wurden zu Meilensteinen der Archäologie. Noch heute ist Deutsch eine Lingua Franca dieser Wissenschaft.


(NG, Heft 11 / 2004)
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