Ein Volk blickt nach vorn

Artikel vom 01.09.2004  —  Autor: Joseph Bruchac  —  Bilder: Maggie Steber

Vom Gipfel des Coffee Butte im Land der Cheyenne-River-Sioux hat man einen 80 Kilometer weiten Rundblick. Als ich mich umschaue, entdecke ich schwarze Punkte auf der weiten, grasbewachsenen Ebene unter mir. Bisons. In jeder Himmelsrichtung eine Herde - das ist ein gutes Omen. "Sieh mal", sagt Dennis Rousseau von der Wild- und Fischverwaltung des Stammes. Ich folge seinem Blick zu einer Ansammlung brauner Flecken auf einem Kamm, drei Kilometer östlich von uns. "Wildpferde", erklärt er, "sie bewegen sich in unsere Richtung." Nach 140 Jahren gibt es wieder Wildpferde in der Reservation. Ihre Rückkehr, wie auch der Anblick von Bisons überall, reicht aus, um das Blut eines alten Ostküstenindianers in Wallung zu bringen: mein eigenes. Zum ersten Mal seit Generationen "sind der Bison, der Elch und der Mustang zurück in der Reservation", sagt Dennis und senkt sein Fernglas. "Einer unserer heiligen Männer hat mir erzählt, dass dies etwas wirklich Gutes bedeutet."

Ich bin in die Cheyenne-River-Reservation gekommen, um nach diesem Guten Ausschau zu halten: einem Geist der Erneuerung und Hoffnung, dem ich in indianischen Gemeinschaften quer durch die Vereinigten Staaten begegnet bin, von den Häuserschluchten Manhattans bis zum Navajo-Hogan in der Wüste. Diese Erneuerung könnte das Leben von 4,1 Millionen indigenen Amerikanern verändern, die heute größtenteils außerhalb der Reservationen leben. Die Sioux-Reservationen in den Great Plains gehören zu den trockensten und ärmsten Regionen Nordamerikas. Die Menschen in der Pine-Ridge-Reservation, südlich der Cheyenne-River-Reservation, leben von nur einem Drittel des amerikanischen Durchschnittseinkommens. Die Arbeitslosigkeit ist dreimal so hoch, und hier gibt es doppelt so viele Selbstmorde wie im bundesweiten Durchschnitt.

Hier scheinen ganze Landschaften unter der kollektiven Erinnerung an das zu leiden, was im späten 19. Jahrhundert geschah. Dies ist das Land der Feldzüge eines General Custer und des Geistertanzes, mit dem sich die Lakota-Sioux gegen die Weißen und die Enteignung ihres heiligen Landes zur Wehr setzten. Der berühmte Häuptling Sitting Bull liegt im Land der Lakota begraben. Als ich mich nach Sonnenuntergang der Cheyenne-River-Reservation nähere, drücke ich auf den Suchlauf des Autoradios und lande bei einem der größten Radiosender der Gegend: KLND, im Besitz von Indianern. Musik ist etwas, das Jugendliche aller Hautfarben verbindet.

Die Rapper 50 Cent und Eminem sind bei Indianern genauso beliebt wie bei anderen Amerikanern. Kurze Haare, Tätowierungen und überweite Hosen sind hier ebenfalls weit verbreitet. Selbst erwachsene Männer, die früher das Haar schulterlang trugen, sind zum Kurzhaarschnitt übergegangen, in stiller Revolte gegen das indianische Klischee.


(NG, Heft 9 / 2004)
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