Die Augen der Spanier funkelten wie das Metall, das die Inka den "Schweiß der Sonne" nannten. Jedes Jahr, so ging die Kunde, würden Unmengen Gold zu Ehren der Inka-Herrscher hierher in die Hauptstadt Cusco gebracht. Dieses Reich, das die Europäer gerade eroberten, schien wirklich so, wie sie es sich erträumt hatten. Sie hatten keinen Blick dafür, was dieses Gold bedeutete. Den Inka diente es zu nichts anderem als der Verehrung der Götter. Nur Herrscher, Priester und ein paar Adlige durften Schmuck aus diesem Metall tragen - zum Zeichen, dass sie Inti, dem Gott der Götter, besonders nahe waren. Man schrieb das Jahr 1533. Die Nachricht aus Cusco berauschte alle, die sich in diese neue, märchenhafte Welt aufmachten. Hatte nicht gerade, 1000 Kilometer weiter nördlich, der Inka-Herrscher Atahualpa in der Stadt Cajamarca eine 6,70 Meter lange und 5,20 Meter breite Kammer bis zur Höhe des ausgestreckten Arms mit Goldgegenständen füllen lassen, in der vergeblichen Hoffnung, dadurch aus spanischer Gefangenschaft freizukommen?
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Was musste das für ein Land sein, in dem es solche Schätze gab! 1537, nach der Flucht der letzten Inka in die Berge von Vilcabamba, lauschte der spanische Offizier Luiz Daza in Latacunga, 1500 Kilometer nordwestlich von Cusco, der Geschichte eines Indios, die ihm ein Dolmetscher aus der Ketschua-Sprache in gebrochenes Spanisch übersetzte. An einem heiligen See, verborgen in Wäldern, werde jeder neue König zur Amtseinführung am nackten Körper mit einer klebrigen Masse bestrichen und mit Goldstaub bepudert, so dass er leuchte wie die Sonne. Dann gleite der Herrscher zum Klang von Flöten und Muschelhörnern auf einem prunkvollen Floß bis zur Seemitte. Dort würden starke Männer eine Schale mit Smaragden, mit Gold- und Silberschmuck in die Höhe wuchten - und sie als Opfergabe für die Götter in die Fluten fallen lassen.
Nun war El Dorado, "Der Vergoldete", in aller Munde. Das Ritual der Guatavita, das der Indio geschildert hatte, gehörte zwar schon der Vergangenheit an; das Volk war bereits von den Muisca unterworfen. Aber woher sollten die Eindringlinge aus Europa das so genau wissen? War es nicht ohnehin faszinierender, auch noch diesem Traum nachzujagen? Aus dem goldenen Mann wurde ein goldener See, eine goldene Stadt, ein goldenes Reich. Und El Dorado zum größten Mythos der Kolonialgeschichte. Zum magischen Ziel, irgendwo in den Höhen oder Tiefen oder Weiten des rätselhaften Reichs Peru. El Dorado weckte wilde Phantasien und mobilisierte schier übermenschliche Willenskräfte.
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