"Gott will es!"

Artikel vom 01.07.2004  —  Autor: Hans-Joachim Löwer

Freitags wird in Jerusalem mehr gebetet als an anderen Tagen. Am Mittag läuten die Glocken der christlichen Kirchen. Etwa zur gleichen Zeit wenden sich Tausende Muslime gen Mekka. Um 15 Uhr gehen franziskanische Mönche den Kreuzweg durch die Via Dolorosa bis zur Grabeskirche. Danach eilen fromme Juden aus allen Teilen der Stadt zu Fuß an die Klagemauer, und der Busverkehr ruht. Der Sabbat beginnt. Ich stehe auf der alten Befestigungsmauer und schaue auf die Schicksalsstadt der drei Religionen. Mein Auge gleitet von Glockentürmen hinüber zu Minaretten. Es streift die goldene Kuppel des Felsendoms - den Ort, von dem aus der Prophet Mohammed dem muslimischen Volksglauben zufolge kurzzeitig in den Himmel aufstieg. Es streift das Goldene Tor an der Ostseite des Tempelbergs, durch das nach jüdischer Lehre am Jüngsten Tag der Messias schreiten wird. Ich glaube ein leichtes Schwindelgefühl zu spüren: so viel Gott, so viel Glauben an einem einzigen Ort. Und so viel Blut, das deswegen vergossen wurde.

Felsendom in Jerusalem

Bild: Felipe J. Alcoceba/Bilderberg Vergrößern

Jerusalem ist seit seiner Gründung 33-mal erobert worden. Wo anders lässt sich besser darüber grübeln, ob Geschichte sich wiederholt? Der amerikanische Präsident George W. Bush hat nach den Terroranschlägen islamischer Fanatiker am 11. September 2001 von einem "neuen Kreuzzug" gesprochen, den es beim Kampf gegen den Terror im Namen der Zivilisation zu führen gelte. Kannte er die Bedeutung der Worte, die er da in den Mund nahm?

Der erste Kreuzzug, der vor nahezu 1000 Jahren begann, endete mit einem Gemetzel in den Mauern dieser Stadt. Christliche Eroberer aus Westeuropa machten im Namen Jesu, der die Nächstenliebe gepredigt hatte, Tausende Muslime nieder. Die Gräuel im Zeichen des Kreuzes, schreibt der libanesische Schriftsteller Amin Maalouf, würden im Orient "heute noch wie eine Schändung, wie eine Schmach empfunden werden". Wie war es möglich, solche Zerstörungswut zu wecken? Menschen zu Pilgern und zugleich zu Kriegern zu machen?

Karte der Kreuzzüge

Bild: NGS Cartographic Devision, Putzger historischer Weltatlas Vergrößern

Die Wallfahrt mit Waffen erschütterte die mediterrane Welt. Sie wurde durch die Reise eines Papstes vorbereitet, die im Jahr 1095 von Rom bis weit hinein nach Frankreich führte. Der in Frankreich geborene Urban II., seit sieben Jahren im Amt, mobilisierte das Volk. Urban II. war überzeugt, dass die Kirche einen neuen Kampf zu führen hatte - einen Kampf von heilsgeschichtlicher Dimension. Der Kampf des Papstes galt zum einen dem inneren Feind. Ein Jahrtausend nach dem Tod des Erlösers wirkte die Kirche, als wäre sie in die Klauen des Teufels geraten. Kleriker hielten sich Beischläferinnen und kassierten fette Gebühren für Taufen und Beerdigungen. Könige setzten ihnen genehme Leute in kirchliche Ämter ein. Dies sei nicht mehr die Kirche des Herrn, zürnten Prediger, sondern ein Hort des Mammons und der Lüste. Aus Klöstern drang die Forderung, endlich zur Reinheit der Urkirche zurückzukehren.

Katholiken bei einer Osterprozession in der Grabeskirche

Bild: Fred Mayer/Magnum Photos/Agentur Focus Vergrößern

Die Strategie Urbans II. richtete sich aber auch gegen einen äußeren Feind. Nachdem Mohammed, der Prophet und Religionsgründer, 632 gestorben war, hatten die Muslime ihren Machtbereich bis ins südliche Europa ausgedehnt. Jetzt, Jahrhunderte später, begann ihr Imperium als Folge innerer Zerwürfnisse erstmals zu wanken. Auf Sizilien wichen sie den Normannen, in Spanien spürten sie immer stärker den Druck der reconquista: des christlichen Feldzugs zur Rückeroberung der Iberischen Halbinsel. War es nicht Zeit, nun auch den Urboden des Christentums den Heiden und Götzendienern zu entreißen?

Eine liebende Kirche und ein liebender Herrscher, so lautete die Lehre des Kirchenvaters Augustinus, hatten das moralische Recht, Gewalt auszuüben. "Die auf Gottes Anraten hin Kriege führten", schrieb er in seinem Werk "Der Gottesstaat", handelten "keinesfalls gegen das Gebot 'Du sollst nicht töten!'".

Der Papst suchte nach dem großen Befreiungsschlag. Ein heiliger Krieg sollte das ganze gottlose Geflecht mit einem Hieb zerschlagen. Vor den Toren von Clermont scharten sich 300 Bischöfe und Äbte und Tausende Gläubige, um seine mit Spannung erwartete Ansprache zu hören. Urban II. lenkte sie auf ein Unternehmen, das die ganze Christenheit elektrisieren sollte: auf die Eroberung der Heiligen Stadt, der heiligen Stätten, des Heiligen Lands.


(NG, Heft 7 / 2004)
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