Hotspots (IV): Die Inseln im Pazifik

Artikel vom 01.06.2004  —  Autor: Michael Parfit  —  Bilder: Tim Laman

"Eigentlich ist es eine Liebesgeschichte", sagt Noah Idechong. Unser Boot treibt durch trübes Wasser. Glasklar sollte es hier sein. "Die Geschichte von einem wunderschönen Mädchen, das zu einer Taube wurde, und der Baum war ein Junge, und die Mutter wurde eine Muschel."

Dann fragt jemand dazwischen, warum so viel Schlamm das Wasser trübt, und Idechong wechselt das Thema. Erst viel später, nach vielen weiteren Kilometern über blaues und durch braunes Wasser, erfahre ich die ganze Story. Sie ist beeindruckend, kompliziert und beunruhigend. Und sie hat vieles gemein mit der Geschichte der Artenvielfalt auf den Inseln, zwischen denen ich unterwegs bin.

Ich traf Noah Idechong, einen der führenden Umweltschützer im Pazifik, auf Palau. Zusammen mit acht anderen unabhängigen Staaten, 18 Territorien und einem amerikanischen Bundesstaat - Hawaii - bildet Palau den Inselkomplex Mikronesien-Fidschiinseln-Polynesien. Er ist eine von 25 Regionen der Welt, die wegen ihres besonderen Artenreichtums zu einem so genannten Hotspot der Biodiversität ernannt wurden. Die Region umfasst mehr als 1400 Inseln im Pazifik. Meine Reise beginnt auch deshalb auf Palau, weil ich eine der Figuren aus Idechongs Geschichte kennen lernen will - das schöne Mädchen Biib.

In Wahrheit ist Biib ein Vogel. Biib nennen die Einwohner von Palau ihren Nationalvogel, eine Fruchttaube, die nur in ihrem Archipel vorkommt. Als Nachkommen von Tauben, die aus Südostasien über das Meer einwanderten, stehen sie als Symbol für die biologische Dynamik der pazifischen Inselwelt. Und gleichzeitig für deren Bedrohung.

Ein paar Zahlen reichen aus, um die Bedeutung der Region klar zu machen: Die Hälfte aller hiesigen Pflanzenarten - genau 3334 Arten - existiert außer auf diesen Inseln nirgendwo sonst auf der Erde. Sie konzentrieren sich auf einer Landfläche von zusammen nur etwa 46 000 Quadratkilometern. Das ist weniger als die Fläche Niedersachsens.

Doch das sind nur Zahlen. Ich höre den Ruf einer biib erstmals in der Nähe eines Sees, in dem ich in einem Schwarm von Quallen schwimme - mit voller Absicht. Diese Quallen sind nämlich ein gutes Beispiel für die ständige Weiterentwicklung des Lebens auf Inseln. Inseln bilden vor allem deshalb einzigartige Ökosysteme, weil die meisten der dort lebenden Arten zufällig dort angekommen sind. Tiere oder Pflanzen, die vom Wind hergeweht oder auf einem schwimmenden Baumstamm gelandet sind, finden dort wahrscheinlich eine ihnen völlig ungewohnte Umgebung vor. Um zu überleben, müssen sie sich anpassen. So wird jede der mehr als 1400 Inseln dieses Hotspots im Pazifik ein eigenes Labor der Evolution. Der Palau-Komplex ist geradezu ein Musterbeispiel dafür.


(NG, Heft 6 / 2004)
Extras

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