Im Tal der reinen Seelen

Artikel vom 01.01.2004  —  Autor: Karen E. Lange  —  Bilder: Mattias Klum

Zwölf Stunden ist unser Fotograf Mattias Klum mit dem Geländewagen unterwegs, seit er Ladakhs Hauptstadt Leh verlassen hat. Es wird schon dunkel, als er sich dem letzten militärischen Kontrollpunkt auf der Straße nach Hanle, einer abgeschiedenen Siedlung in der nordindischen Himalajaregion Ladakh, nähert. Zwei Jahre musste Klum auf die Besuchserlaubnis für Hanle und dessen gompa - ein buddhistisches Kloster aus dem 17. Jahrhundert - warten.

Jetzt zeigt er dem Wachtposten seinen von der indischen Regierung ausgestellten Passierschein und einen persönlichen Brief des Dalai-Lama. Der Wachtposten inspiziert ungläubig die Dokumente: "Das ist unmöglich!" Das Staunen ist verständlich. Bisher durften hier nur eine Hand voll Wissenschaftler passieren, die zur staatlichen Sternwarte in Hanle wollten. Nach dem Ende des indisch-chinesischen Kriegs 1962 wurde den meisten westlichen Besuchern der Zutritt verweigert. Die indische Regierung fürchtete, Spione aus China könnten über die nur 19 Kilometer entfernte, umstrittene Grenze nach Hanle einsickern. Die Region wurde zum Sperrgebiet erklärt. Nach sorgfältiger Prüfung der Papiere lässt der Wachtposten Klum schließlich durch. In dem abgeschotteten Tal scheint die Zeit stillzustehen. Rund 1000 Menschen leben hier, etwa 300 davon im Dorf Hanle.

Als Klum im Kloster ankommt, sind die Mönche vorsichtig: Sie wissen nicht genau, was ein Fotograf macht. Doch der Brief des Dalai-Lama beruhigt sie, und sie legen das Schreiben auf einen Thron, der für einen Besuch Seiner Heiligkeit reserviert ist. Danach sind die Mönche offener und unterhalten sich mit Klum. Sie beginnen zu verstehen, warum er sie fotografieren möchte. Vielleicht kann seine Arbeit ja Aufmerksamkeit auf ihr gompa lenken? Am stärksten fühlt sich Klum zu Lama Zotpa hingezogen. Die Gegenwart dieses geachteten heiligen Mannes bringt ihn dazu, sein eigenes Leben zu überdenken. "Er sieht dich freundlich an, dann schaut er durch dich hindurch - direkt in deine Seele", erzählt der Fotograf. "Manchmal fühlte ich mich ganz klein und oberflächlich." Während seiner fünf Wochen in Hanle war Klum oft von der tiefen Ruhe der Gemeinschaft berührt: "Da war eine unglaubliche Stille.

Ich hatte das Gefühl, am einzigen wirklich friedvollen Ort dieser Erde zu sein." Doch moderne Einflüsse verändern allmählich auch Hanle. Einst schickte man die Kinder zum Tierehüten in die Berge. Heute besuchen sie staatliche Schulen. Manche studieren anschließend sogar an der Universität, andere suchen sich eine Arbeit. Die Zelte aus Jakwolle werden durch Steinhäuser ersetzt, und die Läden bekommen jetzt Fertigprodukte mit Lastwagen aus Leh geliefert.

Als der Dalai-Lama im vergangenen Jahr zu Besuch kam, flog er mit dem Hubschrauber gleich wieder weiter zum nächsten Ziel. Als Buddhisten erwarten und akzeptieren auch die Mönche von Hanle, dass die Welt im ständigen Wandel ist. Wie schrieb der tibetische Lama und Autor Sogyal Rinpoche? "Die Erkenntnis der Vergänglichkeit ist das einzig Beständige, das wir haben."


(NG, Heft 1 / 2004)
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