Kraniche - die Stars der Lüfte

Artikel vom 01.04.2004  —  Autor: Jennifer Ackerman
Am Platte River in Nebraska, USA, sammeln sich Kanadakraniche

Bild: Joel Sartore Vergrößern

Von meinem Hochsitz überblicke ich ein Feuchtgebiet im Herzen von Wisconsin. In der Ferne sehe ich einen langbeinigen Vogel. Wie ein helles Fragezeichen hebt er sich vom smaragdgrünen Gras ab. Dann kommt ein zweiter aus dem schützenden Schilf. Es sind Einjährige, anderthalb Meter groß, mit schneeweißem Gefieder und eleganten schwarzen Flügelspitzen. Der edle Anblick macht es schwer zu glauben, welche wilden, rauen Gesänge aus diesen schlanken Hälsen tönen können. Sie sind der Grund, warum diese Art (Grus americana) auch Schreikranich genannt wird.

Die Weite des Himmels über uns, wogendes Sumpfgras unter uns, darin wilde Kraniche - es wäre eine Szenerie ursprünglicher Natur, gäbe es da nicht den Zaun, hinter dem ein paar Küken im gelbbraunen Tarngefieder nach Nahrung suchen. Flüsternd erklärt mir der Biologe und Kranichexperte Richard Urbanek, dass diese Jungvögel zwar in Gefangenschaft aufgewachsen sind, aber noch nie eine menschliche Stimme gehört und nie einen Menschen gesehen haben - außer im Kranichkostüm. Diese Verkleidung ist Teil eines Versuchs zur Wiederansiedlung einer Population von Schreikranichen im Osten Nordamerikas. Zwei Monate lang wurden die Küken von Menschen versorgt, die als Kraniche getarnt waren. Bevor die Jungvögel in die freie Wildbahn entlassen werden, müssen sie das natürliche Verhalten ihrer Art erlernen.

Luftbild eines Europäischen Kranich

Bild: Galatée Films, Jean Patrick Deya Vergrößern

Die Unterrichtsmethoden wurden von Operation Migration entwickelt, einer Organisation, die gefährdete Vogelarten mit ihren traditionellen Wanderungswegen vertraut machen will. In der Nähe des Zauns ist ein langer Grasstreifen: die "Startbahn", auf der die Vögel lernen, hinter einem Ultraleichtflugzeug herzufliegen. Es wird von einem Piloten im Kranichkostüm gesteuert und dirigiert sie von diesem Schutzgebiet aus über sieben US-Bundesstaaten hinweg 1900 Kilometer weit nach Süden, in ihr Winterquartier in Florida. Zwei Vogelgruppen haben diese Reise bereits hinter sich - und sind allein zurückgekehrt. Es waren wohl die ersten Schreikraniche seit einem Jahrhundert, die frei über den Osten der Vereinigten Staaten zogen.

Nach drei begleiteten Kranichzügen zählt die Population hier im Osten nun 36 Tiere, einschließlich der Einjährigen und Küken. Der Erfolg bereitet den Weg für ein noch ehrgeizigeres Projekt auf der anderen Seite des Globus, in den Weiten des nördlichen Russlands: Im Herbst 2005 will eine internationale Arbeitsgruppe einen Schwarm junger, in Gefangenschaft geschlüpfter Kraniche an ihrer traditionellen Zugroute von Russland in den Iran freilassen, um so bei den Vögeln das Wissen über die alte Flugstrecke wieder zu wecken.

Kanadakranich mit Jungtier

Bild: Michael Forsberg Vergrößern

Dann werden sie nicht mit Ultraleichtflugzeugen, sondern mit Hängegleitern eskortiert, über vier Staaten hinweg und 5000 Kilometer weit. Von Menschen gelenkte Wanderungsflüge gehören zu den neuesten Versuchen, diese Vögel vor dem Aussterben zu retten.


(NG, Heft 4 / 2004)
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