Neue Horizonte

Artikel vom 01.05.2004  —  Autor: John G. Mitchell  —  Bilder: Jim Richardson
Kansas Umzug

Bild: Jim Richardson Vergrößern

Lebanon, Kansas, rühmte sich einst seiner Lage als geographischer Mittelpunkt der Vereinigten Staaten. Damit gibt heute niemand mehr an. Das Dörfchen mit seinen etwa 300 Einwohnern liegt an der Grenze zu Nebraska, inmitten von Weizenfeldern am Rand eines der fruchtbarsten Getreideanbaugebiete der Welt. Und dennoch gehört es zu den vielen kleinen ländlichen Kommunen, die ihren Niedergang erleben. "Business U.S. 281", steht auf einem rostigen Schild an der Landstraße, die zur Ortsmitte führt.

Doch von geschäftlicher Aktivität ist in Lebanon wenig zu bemerken. Die Hälfte der Läden ist mit Brettern zugenagelt. Das Büro der Kreditbank hat geöffnet. Dort kümmert man sich wohl vor allem um Zwangsvollstreckungen. Aus seinen Fenstern fällt der Blick auf die Backsteinruinen des leer stehenden Gebäudes gegenüber. Die Bürgersteige sind verlassen. Am Ortsrand kündet ein Schild vom früheren Stolz. "Willkommen im Zentrum der USA", steht darauf. Eine Bronzeplakette an einem steinernen Denkmal nennt den genauen Längen- und Breitengrad der Stelle.

Verlassene Farm in Kansas

Bild: Jim Richardson Vergrößern

Neben der amerikanischen Flagge weht die Fahne von Kansas im starken Wind, der den Geruch guter, fetter Erde mit sich trägt. Wenn der Blick über das Denkmal und die flatternden Fahnen hinausschweift, taucht auf einer sonnenverbrannten Anhöhe - wie ein verlotterter Geist - ein längst geschlossenes, eingeschossiges Motel auf. Und es kommt einem der Gedanke, dass dieser Landstrich zwar einen hohen Weizenertrag, aber wahrscheinlich ohnehin nie ein hohes Touristenaufkommen haben sollte. Was Lebanon und den Dörfern des Smith County in Kansas widerfährt, ist nicht ungewöhnlich. Die Großen Ebenen, Great Plains, von denen aus jahrzehntelang riesige Weizen- und Rindfleischmengen in die ganze Welt exportiert wurden, erleben einen Kulturschock, wie es ihn seit der Wirtschaftskrise der dreißiger Jahre nicht gegeben hat.

Farmer Pferdezucht

Bild: Jim Richardson Vergrößern

Damals, während der Great Depression, vernichteten Dürre und Wind den Ackerboden und vertrieben die Farmer. Heute ersetzt Technik den Menschen, Arbeitsplätze gehen verloren. So exportieren die Farmen nun ihren Nachwuchs in die Stadt. Etliche abgelegene counties (Landkreise) haben in den vergangenen Jahrzehnten zehn bis 20 Prozent ihrer Bevölkerung verloren.

Die Siedler, die den Kontinent auf dem California Trail und dem Oregon Trail durchquerten, wollten diese Gegend so schnell wie möglich hinter sich bringen. Heute quälen sich meist nur Fernfahrer stundenlang durch diese schier endlose Einöde.


(NG, Heft 5 / 2004)
Extras
  • Artikel bookmarken
  • Firefox
  • IE
  • del.icio.us
  • Mister Wong
  • Yahoo MyWeb
  • Google
Userkommentare

DISQUS ist ein Angebot von disqus.com und unabhängig von nationalgeographic.de - siehe insoweit die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion

blog comments powered by Disqus