Opfer im Tempel des Todes

Artikel vom 01.11.2004  —  Autor: Peter Gwin  —  Bilder: Ira Block

Als der peruanische Archäologe Régulo Franco die Ruinen von El Brujo 1990 zum ersten Mal erblickte, war er fassungslos. Die Landschaft war mit Hunderten Löchern übersät, die Grabräuber hinterlassen hatten. Aber dann entdeckte der Forscher die Reste eines reich verzierten Frieses, der einen lebensgroßen Mann mit einem Strick um den Hals zeigt. "Ich ahnte, dass dieser Ort noch viele Geheimnisse barg", sagt er. Aus der Luft betrachtet, verrät die Huaca Cao Viejo, eine Lehmziegelpyramide unweit des Pazifiks, wenig von ihrer früheren Pracht. Überschwemmungen haben das gewaltige Bauwerk zusammensacken lassen. Dennoch gelang es Archäologen, ein unterirdisches Labyrinth aus Kammern und Terrassen freizulegen, die mit farbigen Wandmalereien geschmückt sind. Die Moche lebten von Landwirtschaft und Fischerei, und sie fertigten erlesene Keramiken und Schmuckstücke.

An der Küste von Peru, wo sie lebten, gibt es noch Dutzende von Pyramiden, die ihnen als religiöse Zentren dienten. Die meisten Schätze wurden leider geraubt. Die Archäologen fanden kaum Gold - jedoch faszinierende Kunstgegenstände. Sie rechnen damit, hier noch sehr lange beschäftigt zu sein. Für die Gefangenen der Moche gehörten die kunstvollen Verzierungen der Huaca Cao Viejo wahrscheinlich zu den letzten Dingen, die sie in ihrem Leben sahen. Nackt, blutend und mit Stricken gefesselt, wurden sie auf den Kultplatz geführt.

Dort wurde ein grausamer Opferritus an ihnen vollzogen: Ein mit Gold geschmückter Moche-Priester schnitt einem nach dem anderen die Kehle durch. Wer sich nicht abwandte oder ohnmächtig wurde, konnte beobachten, wie eine Priesterin das Blut in einem goldenen Kelch auffing und es dem Priester zum Trinken darreichte. Wissenschaftler kennen diese Zeremonien aus dem Studium von Moche-Kunstwerken wie dem Fries der Gefangenen in der Huaca Cao Viejo. Die gefundenen Knochen der Geopferten weisen Spuren von extremen Folterungen auf. Noch ungeklärt ist die Frage, wer die Gefangenen waren - Einheimische oder etwa Fremde, die während einer Schlacht in Gefangenschaft gerieten?

Régulo Franco und sein Team haben Teile von zwei Friesen freigelegt, die helfen könnten, die Moche-Religion zu erklären. Die Kunstwerke zeigen ganz unterschiedliche Figuren, zum Beispiel einen Krieger und einen Mann, der wahrscheinlich eine fünfzackige Krone trägt. Franco ist der Ansicht, dass diese Figur den Planeten Venus verkörperte und dass es sich bei dem Wandbild um einen Kalender handelt, der anzeigte, wann welche Zeremonien abzuhalten waren. In der Huaca Cao Viejo wurden auch Keramiken mit religiösen Themen gefunden. Ein Gefäß zeigt einen Schamanen, der ein Heilritual an einer Frau vollzieht.

Es ist nicht eindeutig geklärt, weshalb dieses Volk unterging. Archäologen fanden Anhaltspunkte für Überschwemmungen und Erdbeben, durch die möglicherweise lebenswichtige Bewässerungskanäle zerstört wurden. Haben Klimaveränderungen zudem Fischgründe beeinträchtigt und die Niederschlagsmengen dramatisch ansteigen lassen? Im 8. Jahrhundert verschwanden die Moche aus den Flusstälern am Meer. Spätere Kulturen betrachteten ihre Pyramiden als heilig. Forscher stießen auf eine Reihe von Artefakten, die vom Volk der Lambayeque stammen (um 900 n. Chr.), darunter eine Kupfermaske. Solche Gegenstände erzielen hohe Preise auf dem Schwarzmarkt für Antiquitäten - was sich an den unzähligen Löchern ablesen lässt, die Grabräuber rings um einen Brunnen hinterließen. Die Wissenschaftler können nur rätseln, was wohl alles verloren gegangen ist. Erhalten blieb ein Goldornament. Und noch weitere Kammern mit unbekanntem Inhalt harren der Entdeckung durch Franco und andere, die das Geheimnis der Moche ergründen wollen.


(NG, Heft 11 / 2004)
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