Sattelrobben - Die Jagd geht weiter

Artikel vom 01.03.2004  —  Autor: Kennedy Warne  —  Bilder: Brian Skerry

Ich schwebe unter Wasser in einer Welt aus wogenden Eiswolken und düsteren Schluchten. Pfeile aus Sonnenlicht strahlen durch die Meeresoberfläche im St.-Lorenz-Golf in Kanada und werden von der grauen Tiefe aufgesogen. Durchscheinende Rippenquallen treiben vorbei, Sklaven der Strömung. Plötzlich sind sie da, am Rande des Gesichtsfelds, wie geisterhafte Torpedos: die Sattelrobben. Ihre hinteren Flossen spreizen und falten sich wie Fächer, treiben sie mit eleganten Schlägen vorwärts. Einige kommen näher und begutachten mich aus dunklen Augen. Eine dreht sich bauchoben und lässt mich den sattelförmigen Fleck auf ihrem Rücken sehen, der dieser Art den Namen gab.

In einer Lücke zwischen den Eisschollen schwimme ich an die Oberfläche. Weibchen beaufsichtigen im Eismatsch ihre Jungen. Es ist Mitte März. Die Robben sind 3200 Kilometer weit aus der Arktis nach Süden gewandert, um ihre Frühlingsquartiere im St.-Lorenz-Golf sowie vor den Küsten Labradors und Neufundlands zu beziehen. Hier, wo Schneestürme über das vereiste Meer fegen und Strömungen die Schollen zu Eisgebirgen türmen, spielen sich alle wichtigen Ereignisse ihres Lebens ab: Paarung, Geburt, Wechsel des Fells.

Ich bin hier, um Pagophilus groenlandicus - den "Eisliebhaber aus Grönland", wie man den wissenschaftlichen Namen übersetzen kann - dabei zu beobachten. Aber es gibt noch einen anderen Grund. Vor 40 Jahren begann wegen der Jagd auf junge Sattelrobben ein erbitterter Streit zwischen kanadischen Robbenfängern und Tierschutzorganisationen. Die Robbenbabys mit ihrem flauschigen Pelz und den großen schwarzen Augen wurden zu einem Symbol für alles, was der Mensch angeblich falsch macht bei der Ausbeutung der Natur. Nach fast zwei Jahrzehnten furioser Proteste beugte sich die damalige Europäische Wirtschaftsgemeinschaft dem Druck der Umweltschützer: Sie verbot 1983 den Import weißer Pelze und aller Produkte aus Sattelrobben - eine Entscheidung, die den Robbenhandel zusammenbrechen ließ.

Für viele war der Kampf vorüber: ein Sieg für die Natur. Aber heute sind Pelze - trotz naturecht wirkender Synthetikprodukte - wieder in Mode. Zwar sind die Robbenbabys mit dem weißen Pelz in Kanada gesetzlich geschützt. Doch die Jagd auf ältere Jungtiere boomt.

Heute werden mehr Sattelrobben erlegt als je zuvor in den vergangenen 35 Jahren. Ist die Art dadurch wieder in Gefahr? Oder haben Proteste und Gesetze die Basis gelegt für eine sichere Zukunft der Sattelrobben? Wird Pagophilus das gleiche Schicksal erleiden wie die großen Wale, deren Herden heute nur noch kümmerliche Reste einstmals großer Bestände darstellen?


(NG, Heft 3 / 2004)
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