Bild: Infographic, Juan Velasco Vergrößern
Eugene Brower ist ein Inuit vom Stamm der Inupiat und Vorsitzender des Verbands der Walfänger von Barrow. Er braucht keine komplizierten Messungen der Kohlendioxidkonzentrationen und langfristigen Berechnungen des Meeresspiegels - er sieht auch so, dass sich seine Welt verändert. "Es passiert vor unseren Augen", sagt er. An einem Tag Ende August fahren wir durch seinen Heimatort in Alaska. Es ist die am nördlichsten gelegene Stadt der Vereinigten Staaten. In seinem Truck begleite ich Brower zu den traditionellen Eiskellern seiner Familie. Mühsam wurden sie irgendwann in den Dauerfrostboden gegraben und sollen die Lebensmittel frisch halten. Aber seit dem Herbst verderben die Vorräte an muktuk - die Haut und der Tran von Weißwalen -, weil Schmelzwasser in die Speicher tropft.
Wir machen uns auf den Weg zum erodierenden Strand und blicken aufs offene Wasser. "Normalerweise würde jetzt schon das Eis kommen", sagt Brower. Er kneift die Augen zusammen und sucht den blauen Horizont ab, dann fahren wir weiter. Barrow sieht aus wie eine Küstengemeinde im Belagerungszustand. Kilometerlange Böschungsabsätze aus Kies und Erde sollen die verwitterten Häuser entlang der Kiesstraße vor den Fluten schützen. Der Blick auf vorbeiziehende Grauwale ist verdeckt, dafür sind andere Giganten zu sehen: Gelbe Bulldozer und Planierraupen patrouillieren wie Wachposten die Küste entlang.
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In der Sprache der Inupiat gibt es Wörter für viele verschiedene Eisarten: Piqaluyak bedeutet salzfreies, mehrere Jahre altes Meereis. Ivuniq bezeichnet einen Druckkamm. Sarri ist das Wort für Packeis, tuvaqtaq für Eis, das vom Meeresboden gehalten wird. Von tuvaq sprechen die Inupiat, wenn Eis entlang der Küste festliegt. Es sind wichtige Wörter für die Jäger , sie müssen die Unterschiede genau kennen, um Bartrobben, Walrosse und Grönlandwale aufspüren zu können. Wörter, die beschreiben, wie sehr und wie schnell sich das Eis verändert, gibt es bislang noch nicht. Bereits vor Jahrzehnten sagten Forscher voraus, dass sich die sichtbarsten Auswirkungen einer weltweit erwärmten Erde zuerst in den höheren Breitengraden zeigen würden: steigende Luft- und Meerestemperaturen, frühere Schneeschmelze, verzögerte Eisbildung, Abnahme des Meereises, tauender Dauerfrostboden, mehr Erosion, gefährlichere Stürme.
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All diese Auswirkungen sind inzwischen in Alaska dokumentiert worden. "Die hier beobachteten Veränderungen liefern uns ein Frühwarnsystem für den Rest der Erde", sagt die australische Forscherin Amanda Lynch. Sie ist Mitarbeiterin eines Projekts, das den Menschen von Barrow hilft, in ihre Entscheidungen wissenschaftliche Daten miteinzubeziehen, um die Stadt zu retten. Bevor ich die Arktis verlasse, fahre ich allein zum Point Barrow. Diese nördlichste Spitze von Alaska bildet die Trennlinie zwischen der Tschuktschen- und der Beaufortsee.
Einfache Jagdhütten stehen vereinzelt herum, und es gibt ein seltsames Konstrukt: Neben einer Hütte hat jemand drei zweieinhalb Meter hohe Stöcke aus weißem Treibholz in den Sand gesteckt und ihre Spitzen kreuzförmig mit Barten verziert, mit denen Bartenwale das Plankton aus dem Meerwasser filtern. Sie erinnern mich an Palmblätter. Und so stehen hier am Nordhang von Alaska drei behelfsmäßige Palmen. Vielleicht sind sie nicht mehr als ein Schabernack. Gleichzeitig wirken diese arktischen Palmen jedoch wie eine rätselhafte Metapher für die Zukunft der Erde.
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