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Die Biscoe-Insel, ein kleiner Ableger aus Felsen und Eis, liegt verloren vor der Antarktischen Halbinsel, die wie ein krummer Finger Richtung Südamerika zeigt. Ihre schroffen Granithänge - ein Schachbrett aus schwarzem Stein und weißen Gletschern - fallen steil zum Ozean ab. Das blaue Wasser der Bellingshausensee ist mit Eisbergen gesprenkelt, Ströme von Eisschollen treiben auf der Oberfläche. An klaren Sommertagen funkelt und blitzt die ganze Landschaft. 23-mal in den vergangenen 30 Jahren hat der Ökologe Bill Fraser die Antarktische Halbinsel besucht. Die herrliche Aussicht, sagt er, ist wohl das Einzige, was sich nicht verändert hat. Der Wandel betrifft das Land, das Meer und die dort beheimateten Lebewesen. Die globale Erwärmung verläuft hier schneller als im Rest der Welt: Im vergangenen halben Jahrhundert ist die durchschnittliche Wintertemperatur um fast fünf Grad angestiegen.
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Die sichtbarste Veränderung ist der Rückzug der Gletscher. Mehr Sorgen macht sich Fraser allerdings über die Folgen der Erwärmung auf die Adéliepinguine, seine Studienobjekte, seit er wissenschaftlich arbeitet. An einem Januartag - hier in der Antarktis ist jetzt Hochsommer - wandern Fraser und ich zu einem Felsvorsprung auf Biscoe, um eine nahe gelegene Gruppe von Adéliepinguinen zu zählen. Ein Flecken von mit Guano ziegelrot verfärbten Nestern aus Kieselsteinen markiert die Kolonie. Die Pinguine marschieren im Gänsemarsch zum Meer und zurück, den Schlund voller Krill, um damit Hunderte daunenweicher, piepsender Küken am Ufer zu füttern.
Vor 20 Jahren lebten auf Biscoe 2800 Adéliebrutpaare. Diese Pinguine gehören zu den beiden Arten der Antarktis, für die Eis besonders wichtig ist. Die andere Art ist der Kaiserpinguin. Heute ist die Anzahl der Brutpaare des Adélie auf Biscoe auf rund 1000 gesunken. Das entspricht ziemlich exakt der 66-prozentigen Abnahme der Adéliepinguine auf den umliegenden Inseln, wo sich die Anzahl der Brutpaare binnen 30 Jahren von 32 000 auf 11 000 verminderte. Fraser hat dokumentiert, wie die Adéliepinguine von Eselspinguinen ersetzt werden. Diese Art wandert allmählich aus gemäßigteren Klimazonen wie den Falklandinseln in Richtung Südpol . Anfang der neunziger Jahre erreichte ein Dutzend Brutpaare der Eselspinguine die Biscoe-Insel. Seitdem ist ihre Anzahl auf 660 Paare gestiegen.
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Der Ökologe schaut hinüber zu den Berggraten im Westen von Biscoe. Dort gibt es wieder etwa 100 Eselspinguine mehr als in der vergangenen Brutsaison. Fraser sieht drein wie ein Mann, dessen vertraute Wohnstraße sich vor seinen Augen in einen Slum verwandelt. "Es ist einfach unglaublich", sagt er. "Hier waren früher überall Adéliekolonien. Jetzt benutzen die Eselspinguine dieselben Nistplätze. Bald wird es auf Biscoe überhaupt keine Adéliepinguine mehr geben." Direkt hinter uns kalbt ein Gletscher mit Donnergrollen und lässt eine Wand aus blauem Eis ins Meer stürzen.
Dieses Rumpeln eines Kontinents, so scheint mir, ist der Soundtrack, der das Verschwinden einer Art begleitet. "Vor einem Jahrhundert war das hier echte Antarktis", sagt Fraser. "Nun dringt mit steigender Erwärmung ein subantarktisches System mit neuen Arten ein. Ich beobachte das seit 30 Jahren, und ich staune, wie schnell das polare Ökosystem zerfällt." Er schnippt mit den Fingern. "In einer Nanosekunde, nach geologischer Zeitrechnung."
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