Suche nach anderen Welten

Artikel vom 01.12.2004  —  Autor: Tim Appenzeller  —  Bilder: Mark Thiessen
Suche nach anderen Welten

Bild: Mark Thiessen Vergrößern

Es ist nach Mitternacht, der Kontrollraum des Teleskops ist nur schwach beleuchtet, aber für Dominique Naef hat sich der Tag plötzlich aufgehellt. Aufgeregt fährt er mit dem Cursor seines Computers über eine Wellenlinie auf dem Bildschirm. "Das gefällt mir", sagt der Schweizer Astronom. Und strahlt. "Das gefällt mir sogar sehr." Auslöser der Wellenlinie ist ein Stern wie unsere Sonne - aber 50 Lichtjahre entfernt. In regelmäßigen Abständen bewegt er sich ein wenig auf die Erde zu und wieder von ihr weg. Im La-Silla-Observatorium in den chilenischen Bergen behalten Naef und seine Kollegen diesen Tanz schon seit Monaten im Auge.

Die meiste Zeit aber hatten sie keinen ungetrübten Blick darauf; Wolken und Schneefall behinderten sie. In dieser Nacht kam eine so hohe Luftfeuchtigkeit hinzu, dass die Kuppel über dem Teleskop geschlossen werden musste, um das Gerät vor Frost zu schützen. Eine weitere Nacht verloren? Dann sank die Luftfeuchtigkeit, und der Teleskoptechniker gab sein Okay zur Öffnung der Kuppel. Es gelang Naef gerade noch, die Bewegung des Sterns ein weiteres Mal zu beobachten, ehe die Luftfeuchtigkeit wieder stieg und der Techniker die Beobachtungen stoppte. Doch diese Momentaufnahme reicht aus, um eine Vermutung beinahe zur Gewissheit werden zu lassen: Der Stern tanzt vor und zurück, weil die Anziehungskraft eines unsichtbaren Planeten auf seiner Kreisbahn an ihm zerrt.

Ozeane

Bild: Mark Thiessen Vergrößern

Am nächsten Tag entscheidet der Leiter des Teams, Michel Mayor von der Universität Genf, dass die Zeit gekommen ist, die Entdeckung bekanntzugeben. Sollte sie den kritischen Blicken anderer Wissenschaftler standhalten, wäre dieser Planet, der um den Stern Mu Arae kreist, ein Meilenstein auf der Suche nach einer zweiten Erde. Als Mayor und sein Kollege Didier Queloz vor zehn Jahren den ersten Planeten eines anderen sonnenähnlichen Sterns entdeckten, war das eine Sensation. Inzwischen haben die Astronomen mehr als 130 Planeten außerhalb unseres Sonnensystems aufgespürt, so genannte Exoplaneten. Allerdings noch keinen, der erdähnlich wäre.

Es sind Gasriesen dabei, viele hundert Mal massereicher als die Erde. Manche haben Umlaufbahnen, auf denen sie ihrer Sonne mal sehr nahe kommen, dann wieder weit weg sind. Andere umkreisen ihren Stern so nahe, dass sie für einen Umlauf nur Tage oder Stunden brauchen. Aber der Planet von Mu Arae und zwei weitere, die etwa zur gleichen Zeit entdeckt wurden, sind viel kleiner als ihre Vorgänger und könnten zum größten Teil aus Gestein bestehen. Die Jagd auf erdähnlichere Planeten hat damit ernsthaft begonnen.

Sternentanz

Bild: Mark Thiessen Vergrößern

Ein Ort für Leben, wie wir es kennen, ist der Begleiter von Mu Arae zwar nicht: Er wiegt 14-mal so viel wie die Erde, ist wegen der Nähe zu seinem Stern extrem heiß und benötigt für einen Umlauf nur 9,5 Tage. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, davon sind die Astronomen überzeugt, dass sie Sonnensysteme finden, in denen sich kleine Planeten mit gemäßigten Temperaturen bilden, wo es Leben geben könnte.


(NG, Heft 12 / 2004)
Extras
  • Artikel bookmarken
  • Firefox
  • IE
  • del.icio.us
  • Mister Wong
  • Yahoo MyWeb
  • Google
Userkommentare

DISQUS ist ein Angebot von disqus.com und unabhängig von nationalgeographic.de - siehe insoweit die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion

blog comments powered by Disqus