Troja - der Mythos lebt

Artikel vom 01.05.2004  —  Autor: Michael Siebler
Gemälde des Untergangs Trojas

Bild: Bridgeman Art Library Vergrößern

Der Wind bläst kräftig von den Dardanellen her. So war es noch jedes Mal, wenn ich die westliche Türkei besuchte. Der Wind bläst schon seit Menschengedenken über diese Landschaft mit ihren Getreide-, Obst- und Baumwollfeldern und krümmt den Wuchs der Bäume, die sich unter seiner Wucht beugen. Der Sommerwind gehört zu dieser Ebene wie der Hügel Hisarlik - der Name bedeutet "burgbewehrt" -, dessen Ruinen aus Lehmziegeln und Kalkstein durcheinander gewürfelt in der gleißenden Sonne liegen. Sie sind die Reste zahlreicher Siedlungen und erzählen davon, dass mehr als dreieinhalb Jahrtausende lang Menschen hier ihre Paläste und Häuser, Werkstätten und Ställe bauten und hinter Befestigungsmauern Schutz suchten.

Die Stadtanlage hat bis heute nichts von ihrer Faszination eingebüßt: Troja. Auch dieses Mal führt mich der Weg zuerst auf das Plateau des 37 Meter hohen, etwa 150 mal 200 Meter großen Hügels. Fünf Kilometer entfernt sehe ich die Küste der blauen Ägäis und die Insel Tenedos. Im Norden sind in vier Kilometer Entfernung die Dardanellen zu erkennen. Diese Meerenge verbindet seit je das Mittelmeer mit dem Schwarzen Meer, Europa mit Asien. Das ist die Landschaft, mit der so viele mythische Geschichten und historische Ereignisse aus der griechischen Frühzeit untrennbar verbunden sind. Sie ist die Kulisse der "Ilias", dieser in 15 693 Versen überlieferten Geschichte vom "Groll des Achilleus" vor den Toren der "heiligen Ilios" oder "windigen Ilios", wie Troja in diesem Epos oft genannt wird.

Manfrad Korfmann in Troja

Bild: Manfred Grohe/DaimlerChrysler Vergrößern

Dieses großartige Werk der Dichtkunst steht am Anfang aller abendländischen Literatur. Gegen 700 v. Chr. hat der - angeblich blinde - Dichter Homer die 51 Tage umfassende Episode aus dem zehnjährigen Krieg zwischen den Griechen und den Trojanern erstmals niedergeschrieben. Sie erzählt vom Zorn des griechischen Helden Achilleus, der seine Hilfe im Kampf gegen die Trojaner verweigert und großes Unheil über das Heer der Griechen bringt. Von Griechenland aus waren die Helden unter ihrem Anführer Agamemnon, dem König von Mykene, mit Schiffen losgefahren, um sich an der trojanischen Königsfamilie für eine unverzeihliche Missachtung des Gastrechts zu rächen. Paris, einer der Söhne des Königs Priamos, hatte die Frau des Spartanerkönigs Menelaos - des Bruders von Agamemnon - geraubt und nach Troja entführt: die "schöne Helena".

Fund einer Ausgrabung

Bild: James L. Stanfield Vergrößern

Ich stehe auf dem Burghügel von Troja, gefangen von der Kraft dieses Mythos. Einzelne Szenen werden vor meinem geistigen Auge lebendig.


(NG, Heft 5 / 2004)
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