Über Nebraska wird das Land unter uns herb, rau und leer. Wir spüren den Schwindel der ungeheuren Weite. Am Himmel hinterlässt nur noch Rauch von Weidebränden flüchtige Spuren. Schließlich sehen wir, so weit das Auge reicht, nichts mehr, was von Menschenhand geschaffen ist. Allein in der Weite. Unser Flugzeug ist so eng, dass es uns manchmal vorkommt, als wären wir Seite an Seite in einen Doppelsarg gepfercht. Sehen Sie sich die Landkarte an: Wie ein trauriger alter Tanzbär sind die Vereinigten Staaten in einem Netz aus Highways gefangen. Doch wenn Sie mit dem Finger ganz nach Westen bis zum 120. Längengrad wandern, stoßen Sie am 42. Breitengrad auf eine Stelle, die so leer ist, dass der Bär ohne weiteres seine ganze Pranke durch das Netz stecken könnte. Hier schwenkt die Autobahn I-84 nordwärts Richtung Portland, die I-80 taucht südwärts Richtung San Francisco ab. Dazwischen bleibt eine große, offensichtlich menschenleere Fläche. Darauf haben wir es abgesehen.
Aus einer Entfernung von 80 Kilometern halten wir die ersten weißen Flecken für Wasser, so hell sind sie. Als wir runtergehen, um nachzusehen, stellen sie sich als ausgetrocknete Seen heraus. Wir entscheiden uns für ein Seebett in der Black Rock Desert zwischen Jungo und Sulphur, Nevada. Es ist etwa 15 Kilometer lang und weist bis auf eine quer über den Boden wachsende Doppelreihe dorniger greasewood-Sträucher keinerlei Hindernisse auf. Wir wollen uns die Landefläche genau ansehen. Falls sie aus Sand oder losem Staub besteht, werden sich die Räder bei Tempo 140 in den Boden graben, das Flugzeug wird sich überschlagen und… sprechen wir nicht darüber. Mein Begleiter, der Fotograf Jonas Dovydenas, zieht ganz niedrig über den Boden. Als die Maschine aufsetzt, spüren wir, dass er so glatt und hart wie Beton ist.
Wir atmen tief durch, werfen unsere Ausrüstung hinaus in den heißen, windigen Nachmittag. Einsam und allein stehen wir auf festgebackenem Salzton. Er ist so, als wäre er mit der Wasserwaage planiert, und er gleißt so grell wie Schnee. Wir sind mitten im Nirgendwo gelandet. Geschätzte Bevölkerungsdichte: 0,015 Personen pro Quadratkilometer, wenn man mich, Jonas und das 130 Quadratkilometer große Seebett zu Grunde legt. Auch jenseits des Sees nichts als Wüstenbeifuß, Dach-Trespe und Vierflügeliger Salzbusch. Keine Vorschriften, keine Zäune - mehr Freiheit lässt sich nicht vorstellen.
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