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Zum Südpol, auf den Everest, in die Arktis ? Ist heute alles im Reisebüro zu haben. Buchbar, konsumierbar. Angefangen hat der Wettlauf zu den Enden der Welt allerdings ganz anders. Die alten Griechen hatten dem äußersten Norden der Erde besondere Anziehungskraft zugeschrieben und den gegenüberliegenden Pol als Südpol postuliert. Aber hingegangen ist niemand. Alexander der Große drang zwar mit Tausenden Soldaten bis zum Himalaja vor, wo ein weiteres Ende der Welt vermutet wurde. Aber erst gut 2000 Jahre später begann die Eroberung der wahren und fiktiven Enden der Welt. Nachdem Süd- und Nordpol erreicht waren, erfand die nachrückende Generation den "dritten Pol". Und dieser Pol ist immer das andere, das noch nicht erreichte Ziel.
Obwohl nur eine erfundene Aufgabe, reißt sie den Menschen mit und heraus aus seiner Alltäglichkeit. Aufbruchswille und Eroberungsbewusstsein tragen uns, und zuletzt hält uns nichts mehr zurück.
Bild: Carsten Peter Vergrößern
In diesem Heroismus fließen antikes und modernes Heldentum zusammen. Denn jenseits aller Nützlichkeit hat der Erfolgswille des kühnen Tatmenschen, der über die letzte Grenze der menschlichen Möglichkeiten hinausgreift, immer Recht. Der Expeditionsritter füllt sein Tun also mit Sinn und bricht immer wieder auf. Nach Norden, nach Süden, nach oben. Zu den geheimnisvollsten Winkeln der Welt. Gerüstet mit Hundeschlitten, mit Sauerstoffgerät, mit GPS. Fridtjof Nansens Polarschiff "Fram" leistete noch wissenschaftliche Arbeit - aber mit Nansen beginnt die Ära der sportlichen Rekorde. Seine Triumphe entfachten das Polarfieber. Shackleton, Peary, Scott und Amundsen, Wally Herbert und Naomi Uemura wurden zu Helden, das "Immer weiter" zum Rausch, zum Delirium.
Immer weiter! Dieser Wahlspruch, von Generation zu Generation vererbt, gaukelt den Menschen, die keine Zeit haben, Zeit zu verlieren, Allmacht vor. Die Spirale des "weiter, höher, tiefer" muss also als Raum-Zeit-Labyrinth verstanden werden, aus dem es kein Zurück gibt. Und die Steigerung, sie ist die Geste der großen Eroberer geblieben: Wir erreichen die Spitze des Everest , aber kein Genug. Der Eroberung folgten die technische Spitzenleistung und zuletzt der Verzicht. Das sukzessive Weglassen von Ballast. Um noch weiter zu kommen. Mit immer weniger und immer besserer Ausrüstung.
Bild: James F. Calvert Vergrößern
Mit Lodenhosen und dreischichtigen Lederschuhen, die auch als Kopfkissen nutzbar waren, durchstieg ich, 25-jährig, die Rupalwand am Nanga Parbat . Dann drehte ich Jahr für Jahr eine Runde auf dem Dach der Welt - und 1975 allen Methoden den Rücken. Nachdem ich einen kleinen Achttausender mit einem Minimum an Hilfen und Helfern bestiegen hatte, verführte auch mich der Größenwahn. Meine Seele war jetzt empfänglich für die höchste Höhe. Bevor mich die Jahre auffressen würden, wollte ich auf den Everest, und obwohl es alle für unmöglich hielten, ohne Sauerstoffgerät. Das war die Spitze, von der ich träumte. Ob ich dabei sterben würde, wie Physiologen prophezeiten, interessierte mich nicht.
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