Wir sind zu fett

Artikel vom 01.08.2004  —  Autor: Cathy Newman  —  Bilder: Karen Kasmauski

Zwei Jahrzehnte lang hat sie versucht abzunehmen: mit den Weight Watchers, einer Ernährungsberaterin, einem Fitnesstrainer, einem Psychotherapeuten. Vergeblich. Jetzt ist sie zum letzten Schritt entschlossen: Linda Hay sitzt in einem Untersuchungsraum des Universitätsklinikums in Richmond, Virginia. Der ChirurgHarvey Sugerman erklärt ihr den riskanten Eingriff: In zwei Wochen wird er ihr einen Magen-Bypass legen. Er wird das Volumen des Magens von der Größe einer Weinflasche auf das eines Likörglases verringern. Und er wird einen neuen Anschluss zum Dünndarm schaffen.

Weltkarte Fettleibigkeit

Bild: NG Maps Vergrößern

Die meisten Patienten verlieren innerhalb eines Jahres nach einer solchen Operation etwa zwei Drittel ihres Übergewichts. "Der Bypass-Patient kann nicht mehr so viel essen", erklärt Sugerman. "Oft erzeugt der Verzehr von Zucker oder fetthaltiger Nahrung bei ihm ein Völlegefühl mit Hitzewallungen, Übelkeit und Schweißausbrüchen." In 15 Prozent der Fälle bleibt die Operation allerdings erfolglos. Manche Patienten unterwandern den Eingriff. Sie essen weiter zu viel; nicht auf einmal, sondern indem sie unablässig naschen. Die Risiken sind klar. Es können sich Blutgerinnsel bilden, es kann zu Lungenentzündungen, Infektionen, undichten Stellen im umgeformten Verdauungstrakt kommen. Einer von 100 Operierten in Amerika stirbt daran.

Die 39-jährige Hay arbeitet in der Personalabteilung eines Finanzunternehmens. Der Job erfordert Taktgefühl, Leistungsfähigkeit und Organisationstalent. Alle diese Eigenschaften strahlt sie aus. Sie besitzt einen kleinen Kreis guter Freunde.

Empfohlene Portionsgrößen laut Amerikanischen Diätverbands und von Weight Watchers International

Bild: Kraft Foods Deutschland (Milka) Rebecca Hale Vergrößern

Sie kleidet sich modisch. Sie hat ein klassisch geschnittenes ovales Gesicht und helle Haut. Eigentlich würde alles passen. Wenn sie nicht - man muss es so krass sagen - fett wäre. Sie ist 1,65 Meter groß und wiegt 142 Kilo. Als ich sie nach den Gründen für ihre Entscheidung zur Operation frage, beschreibt sie die Demütigung, im Flugzeug um eine Verlängerung für den Sitzgurt bitten zu müssen. Sie geht ungern ins Kino, weil die Sitze zu schmal sind. Als sie sich bei einer Partnervermittlung anmeldete und als Körpertyp "dick" angab, erhielt sie nicht eine Antwort. Sie zählt die mit ihrem Gewicht verbundenen gesundheitlichen Probleme auf: hoher Blutdruck, Krampfadern, Schmerzen und Schwellungen in Füßen und Knöcheln, Depressionen.

Linda Hay hat die Risiken erwogen und sich entschieden: Sie will die Operation. "Niemand in meinem Büro weiß davon", sagt sie. Ist diese Operation die letzte Chance für Verzweifelte, frage ich Sugerman. Er nickt. "Es ist eine drastische Lösung", sagt er, "aber Fettsucht ist auch ein drastisches Problem."


(NG, Heft 8 / 2004)
  • Artikel bookmarken
  • Firefox
  • IE
  • del.icio.us
  • Mister Wong
  • Yahoo MyWeb
  • Google
Userkommentare

DISQUS ist ein Angebot von disqus.com und unabhängig von nationalgeographic.de - siehe insoweit die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion

blog comments powered by Disqus