Wo die rauhen Winde wehen

Artikel vom 01.03.2004  —  Autor: Simon Worral  —  Bilder: Peter Essick

Der Wind ist immer dabei. Er treibt mich vor sich her, wo immer ich auch bin in Patagonien. Er verstopft meine Nasennebenhöhlen. Er lässt den Jeep über die Geröllstraßen schlingern, Vögel rückwärts fliegen, Bäume in die Horizontale wachsen. Er haut Löcher in Fensterscheiben und lässt den Staub der trockenen Steppe in Spiralen gen Himmel steigen wie Minitornados. Aber er streift auch so sanft über meine Haut wie eine Feder.

Und als ich nach Puerto Deseado komme, verwandelt der Wind mein Hotel in ein Orchester: Die Türen schnarren wie Rührtrommeln, aus einem Spalt zwischen Wand und Wellblechdach dringen Laute, die an eine Flöte erinnern, das Belüftungsgitter im Bad leiert wie ein Dudelsack. Die ganze Nacht hindurch spielt der Wind seine wilde Fuge - mal einlullendes Pianissimo, dann wieder stürmisches Crescendo. Patagonien ist die Heimat des Windes.

Bis vor kurzem war diese riesige, spärlich bevölkerte Region ganz im Süden Südamerikas der Inbegriff des Entlegenen und Fernen - finis terrae, das Ende der Welt. Patagonien war nie ein Land oder Staat. Es ist eine unscharf abgegrenzte Gegend, die rechtlich zu Chile und zu Argentinien gehört, und bezeichnet heute im Allgemeinen alles, was südlich des Río Colorado und des östlichen Abschnitts des Río Bío-Bío liegt. So etwas wie eine verbindende Identität gibt es nicht; jeder, den ich da unten treffe, hat sein eigenes Bild: "Patagonien", erklärt ein Schafzüchter im Norden Feuerlands und fuchtelt mit einem brutzelnden Lammkotelett herum, "ist überall dort, wo Sie das hier genießen können!"

So entlegen und unzugänglich, wie Patagonien nun mal ist, war es wie Timbuktu oder Shangri-La schon immer ein Ort der Mythen und Legenden. So glaubte der britische Reisende und Schriftsteller Bruce Chatwin, er habe in einem Felsbild in Südwestpatagonien den Ursprung des Einhornmythos entdeckt - die Darstellung zeigt Exemplare der Huemul, einer seltenen patagonischen Hirschart.

Nun, da die Globalisierung immer weitere Teile der Welt erfasst und neue Kommunikationsmittel Entfernungen überbrücken helfen, verlässt auch Patagonien langsam den mythischen Rand der Welt und wandert zum Zentrum der Realität des 21. Jahrhunderts. Menschen von überall her und mit unterschiedlichster Motivation fühlen sich angezogen: Abenteurer suchen Natur in ihrer ungezähmtesten Form, Unternehmer werden von den Ressourcen Öl, Gas, Gold und Fisch angelockt. All dies nährt einen neuen Regionalstolz.


(NG, Heft 3 / 2004)
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