Abydos - Im Reich der ersten Pharaonen

Artikel vom 01.01.2005  —  Autor: John Galvin

"Jallah! Jallah! Jallah!", ruft Ibrahim Mohammed Ali, der Chef eines ägyptischen Ausgrabungsteams. "Los! Los! Los!" Die jungen Grabungshelfer schleppen Eimer für Eimer aus einer Grube und schütten den Sand in den Schoß von Männern, die ihn durchsieben. Alis Mannschaft aus 125 Leuten legt mit einem Team von Archäologen einen Teil des riesigen königlichen Begräbnisplatzes in Abydos frei, etwa 420 Kilometer nilaufwärts von Kairo. Auf dem Boden der Grube sind Arbeiter mit Kellen am Werk, Vermesser nehmen die Koordinaten von Artefakten auf, ein Fotograf dokumentiert jeden neuen Fund, und Grafiker zeichnen mit Bleistift die Reste eines uralten Sargs und das Skelett eines Kindes. Mittendrin hockt Matthew Adams, der Grabungsleiter eines mehrjährigen Forschungsprojekts, das vom Museum der Universität von Pennsylvania und dem Institute of Fine Arts der Universität New York gefördert wird. Vorsichtig bürstet er Sand zur Seite. "Wenn dieser Lehmboden aus der Zeit Ahas stammt", sagt er," dann ist dies der älteste Grabkomplex, der je in Ägypten gefunden wurde."

Abydos ist ein reicher Fundplatz für besonders alte ägyptische Artefakte. So stieß 1994 das deutsche Grabungsteam unter Leitung von Günter Dreyer südlich der Nebengräber von Aha auf ein Jahrestäfelchen aus Elfenbein, das als Etikett an einer Öllieferung befestigt war. Darauf wird unter anderem das Jahresereignis "Schlagen der Papyrusleute" dargestellt und König Narmer genannt. Das gleiche Geschehen ist auf der berühmten Prunkpalette des Narmer festgehalten, der vor Aha regierte - Jahresangaben erfolgten damals noch nicht, indem man die Regierungsjahre der jeweiligen Könige zählte, sondern durch die Darstellung einer besonderen Begebenheit im betreffenden Zeitabschnitt. Die kunstvollen Hieroglyphen auf dem Jahrestäfelchen entstanden etwa zur gleichen Zeit wie die mesopotamische Keilschrift - als eine der frühesten Schriftarten der Welt.

1991 entdeckte David O´Connor, Adams´ Mentor und Projektleiter, in gigantischen, mit Ziegeln ausgekleideten Bootsgräbern eine gespenstische Flotte von Holzschiffen. (...) Bei den Grabungen im Schatten der schunet (Lagerhaus) machte er eine unerwartete Entdeckung. "Ich war in einem Grabungsschacht, und als ich in einer Ecke stocherte, lag da etwas. "Vorsichtig grub der Archäologe weiter - und stieß auf das erste von 14 antiken Schiffen, jedes in seinem eigenen, mit Ziegeln ausgekleideten Grab neben dem Talbezirk eines noch unbekannten Königs. Die bis zu 27 Meter langen Boote waren fachmännisch gefertigt und voll funktionstüchtig, als sie vergraben wurden. Die ältesten erhaltenen Plankenboote überhaupt!" Der König wollte sie im Jenseits ebenso benutzen wie vor seinem Tod", sagt O´Connor.


(NG, Heft 1 / 2005)
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