Afrika-Bilder: Ein Kontinent von oben

Autor: Kuki Gallmann  —  Bilder: Robert B. Haas
Obstmarkt in Dakar

Bild: Robert B. Haas Vergrößern

Eines der schönsten Afrika-Bilder von Bobby Haas: der Obstmarkt in Dakar, der Hauptstadt des Senegal.

Afrika ist ein Kontinent der Extreme - weit, geheimnisvoll, komplex und von einzigartiger Vielfalt. Schönheit und Vergänglichkeit existieren hier direkt nebeneinander. Die Seite Afrikas, mit der wir permanent konfrontiert sind, ist bitterarm, gezeichnet von Krankheiten und Konflikten, Gewalt, Korruption, Hungersnöten und Dürren. Afrika ist ein Bettler ohne Hoffnung, angewiesen auf die ständige Hilfe und den Schutz der reichen Länder der Welt.

Nach mehr als 30 Jahren in Afrika habe ich genug von diesen Klischees. Ich möchte ein anderes Afrika besingen - den Kontinent, den ich kenne und jeden Tag meines Lebens erlebe. Der unschätzbare Werte besitzt, die der größte Teil der Welt verloren hat. Es ist das andere Afrika. Die Mutter, die Heilerin, die Mitfühlende, die Herzliche, die Gastfreundliche, die Geduldige. Afrika, die Großzügige, die Spirituelle, die Stolze, die Ungezähmte, die Vornehme, die Wilde und unermesslich Schöne. Es ist nicht das Afrika, das ständig nehmen muss, sondern das Afrika, das viel zu geben hat. Das noch die Weisheit besitzt, die der Rest der Welt braucht.

Flamingos am Bogoriasee

Bild: Robert B. Haas Vergrößern

Flamingos drängen sich am Ufer des Bogoriasees in Kenia. Hier, im Gebiet des Ostafrikanischen Grabens, finden die Vögel Zuflucht in der Trockenzeit.

Afrika-Bilder, die das Wesentliche zeigen

Als der Fotograf Bobby Haas mir vorschlug, den begleitenden Text für seine Afrika-Bilder zu schreiben, rannte er offene Türen ein. Unsere Anliegen decken sich. In den Worten, die er wählte, spürte ich seine Entschlossenheit, jene Seite von Afrika zu zeigen, die sich von dem negativen Bild unterscheidet, das uns durch die Medien vertraut ist. Er wollte diesen Kontinent aus einem Blickwinkel darstellen, der für die meisten unerreichbar ist - Afrika-Bilder aus der Vogelperspektive. Ich erkannte, dass Bobbys Projekt der erste Schritt auf dem langen Weg sein konnte, die vorherrschenden Afrika-Bilder in den Köpfen zu verändern. Seine Sicht würde losgelöst und doch teilnehmend sein. Er würde den Kontinent der Widersprüche aus einer anderen Perspektive zeigen - den Kontinent, auf dem unsere Vorfahren  vor vier Millionen Jahren ihre Reise begannen. Seine Afrika-Bilder würden das Ungewöhnliche im Gewöhnlichen suchen, in einfachen Dingen große Schönheit entdecken und aus den natürlichen Mustern der Landschaft Meisterwerke der Kunst schaffen. Bobby Haas würde das Wesentliche auf seine Afrika-Bilder bannen, das vielleicht bald für immer verloren sein wird - wenn wir nicht schaffen, es zu bewahren.

Flusspferde im Okawango

Bild: Robert B. Haas Vergrößern

Flusspferde äsen das üppige Grün auf der Oberfläche des Okawango in Botswana. Extreme Fülle und tödliche Dürre liegen hier dicht beieinander - ein typisches Motiv der Afrika-Bilder von Bobby Haas.

In einem kleinen Flugzeug in geringer Höhe über Afrika zu gleiten ist etwas Unvergessliches, ganz anders, als über die dicht besiedelte westliche Welt zu fliegen. Ich verliebte mich in Kenia, als ich gleich an meinem ersten Tag im Land - 1970, frisch aus Italien angekommen - darüber hinwegflog. So vieles von Afrika ist unbekannt, ursprünglich, noch nah der Schöpfung. Sobald man abhebt, öffnen sich großartige Ausblicke: Berge und Bäume, Savannen, Felder und Herden. Man sieht nur wenige Menschen. Eine Giraffe blickt hinauf, ein Elefant trinkt an einem Flussufer. Aus der Vogelperspektive erhalten sogar die Städte, meist geprägt von Verwahrlosung und Armut, eine geschäftige Schönheit. Was auch immer man von oben sieht, wie tragisch, schmutzig, fremd es sein mag - es erhält eine andere Qualität und wird verklärt. Wir hören keine Geräusche, nehmen den Gestank nicht wahr, spüren die Hitze nicht. Sehen die Spuren nicht, die Arbeit und Müdigkeit in den Gesichtern hinterlassen haben.

Wir sind Giganten und blicken auf winzige Figuren hinab, die sich, aus welchen Gründen auch immer, in unaufhörlichen Strömen dahinbewegen. Und wir sehen Dinge, die sich normalerweise außerhalb des menschlichen Blickfelds befinden.

Kuki Gallmann, gebürtige Italienerin, lebt seit 1972 in Kenia. Ihre Autobiografie "Ich träumte von Afrika" wurde in 21 Sprachen übersetzt und mit Kim Basinger in der Hauptrolle verfilmt.

Wie finden Sie die Afrika-Bilder von Robert B. Haas? Zeigen sie das "echte" Afrika? Sind die schönen Afrika-Bilder mit der rauen Wirklichkeit in Einklang zu bringen? Schreiben Sie uns Ihre Meinung an leserbriefe@nationalgeographic.de. Bitte vergessen Sie nicht, Ihre Anschrift anzufügen.

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