"Banjos" Traum

Artikel vom 01.08.2005  —  Autor: Roff Smith  —  Bilder: David Alan Harvey

Es begann mit einem Routineauftrag, mit der Suche nach einem säumigen Schuldner. Ein stockman, ein australischer Cowboy, aus dem Hinterland von Neusüdwales hatte Rückstände nicht bezahlt, und die Gläubiger wollten nun, dass da etwas unternommen würde. Sie übergaben die Angelegenheit ihrem Anwalt, einem adretten jungen Mann namens Andrew Barton Paterson von der Kanzlei Street & Paterson in Sydney.

Der schrieb dem stockman einen Brief, in dem er ihn streng ermahnte, seine Schulden zu begleichen. Aber es hatte keinen Sinn. Der australische Busch war einfach zu groß, zu wüst, zu unzivilisiert. Der Brief kam als unzustellbar zurück, mit dem simplen Vermerk: "Clancy treibt Herde nach Queensland, haben keine Ahnung, wo er ist!" Die Gläubiger waren vermutlich nicht sehr erbaut. Aber ihr Anwalt gestattete sich ein leises Lachen und stellte sich vor, wie Clancy 1500 Kilometer entfernt unter der hellen Sonne Queenslands umherzog, wie er die Tage auf dem Rücken seines Pferds und die Nächte unter dem Sternenhimmel verbrachte, herrlich frei und unerreichbar, während seine Gläubiger, deren Anwälte und der Rest der geleckten, zivilisierten Welt machtlos hinter ihren Schreibtischen saßen.

Er griff wieder zur Feder. Diesmal allerdings wurde es kein Brief, sondern eine hinreißende kleine Ballade. Denn er verfasste humoristische Erzählungen und Gedichte für eine beliebte Wochenzeitschrift, und zwar unter dem Pseudonym "The Banjo" - das war der Name eines Rennpferds gewesen, das seine Familie einst besessen hatte. In 32 leichtfüßigen Zeilen erzählte Paterson die Geschichte des unzustellbaren Briefs, wobei er Clancys juristisch missliche Lage aussparte. Er schilderte das einfache, ungebundene Leben eines stockman im Busch, stellte ihm den Lärm, den Schmutz, die Hektik und die schreckliche Anonymität seines eigenen Lebens in der Stadt gegenüber und fasste das alles heiter zusammen:

Und mir ist irgendwie so, als ob ich gern mit Clancy tauschen würde,
Als ob auch ich gern eine Herde triebe, wo die Jahreszeiten kommen und gehen,
Und er dem ewigen Kreislauf von Kassen- und Geschäftsbuch ausgesetzt wäre -
Doch ich glaube kaum, dass er in ein Büro passen würde, Clancy, der Träumer.

Als das Gedicht 1889 in der Weihnachtsausgabe der Zeitschrift Bulletin erschien, war es sogleich ein großer Erfolg. Es blieb bis auf den heutigen Tag eines der beliebtesten Gedichte Australiens. Denn es traf den Nerv einer Nation, die soeben mit Stolz und patriotischem Pomp ihr 100-jähriges Bestehen gefeiert hatte und in einer sich rasch verändernden Welt mit nostalgischem Blick nach einer Identität suchte. In Clancy fand Australien ein leuchtendes Leitbild: den unverwüstlichen, sonnengebräunten stockman. Sein Geist war zu groß und frei, um sich jemals in den Kaninchenstall eines Büros sperren zu lassen. Seine angestammte Heimat war die weite, rotbraune Wildnis. Die Australier schlossen ihn sogleich ins Herz.


(NG, Heft 8 / 2005)
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