Das neue Gold des Westens

Artikel vom 01.07.2005  —  Autor: John G. Mitchell  —  Bilder: Joel Sartore

Noch heute kann man in den Rocky Mountains viele Stellen finden, wo die modernen Zeiten auf den alten Wilden Westen treffen. Pinedale in Wyoming zum Beispiel. Der beschauliche Ort (1500 Einwohner), der hinter einem Berg im beifußgrünen Tal des oberen Green River versteckt liegt, beherbergt das Museum des Bergmenschen. Die Gegend ist außerdem für die so genannten Rendezvous berühmt, jährliche Treffen, zu denen einst in Hirschleder gewandete Abenteurer zusammenkamen, als sich die Blütezeit des Fellhandels bereits dem Ende zuneigte. Von den umliegenden Hügeln sieht man im Osten die schneebestäubten Gipfel der Wind River Range, fern im Westen erhebt sich die Wyoming Range. Hier ist er noch zu finden, der Wilde Westen in seiner ganzen Ursprünglichkeit. Und man sollte ihn genießen, so lange es ihn noch gibt. Denn der "neue" Westen ist bereits auf dem Berg angekommen und schiebt sich mit seinen Pipelines, Messwagen und Förderanlagen immer weiter nach Süden vor.

Aus der Luft hat man den besten Überblick über das Gebiet, das für manche ein umweltpolitisches Schlachtfeld und für andere eine kleine, aber wichtige Station auf dem Weg zur nationalen Energieautarkie ist. In unserem einmotorigen Flugzeug unterhalte ich mich über die Sprechanlage mit Linda Baker von der Umweltschutzorganisation Upper Green River Valley Coalition und mit dem Piloten Bruce Gordon, der im Laufe der Jahre Hunderttausende Flugmeilen über dem Kampfplatz der Bodennutzung absolviert hat. Jetzt kreist er über einem Gebiet mit dem Namen Trappers Point, einer Bergflanke, die steil zum Green River hin abfällt. Zwischen dem Trappers Point und dem Highway nach Jackson liegen nicht mehr als 800 Meter offenes Gelände.

"Das ist der Engpass", sagt Baker. "Hier müssen die Gabelantilopen und Maultierhirsche auf ihren Wanderungen durchziehen, wenn sie von den Sommerweiden in den oberen Teil des Green River Valley gelangen wollen." Das Bureau of Land Management (BLM) - die Landnutzungsbehörde der USA - ist für die Vergabe der Förderrechte an den Erdgasvorkommen in der Gegend um Trappers Point zuständig. Noch steht nicht fest, ob und wann das BLM Bohrkonzessionen erteilen wird. Doch selbst wenn es nicht dazu kommt, bleibt es für die wandernden Huftiere eine beängstigende Herausforderung, ihre Winterweiden zu erreichen. Zufälligerweise liegt die Pinedale-Hochebene nicht nur quer über dem Migrationskorridor, sondern auch direkt oberhalb der Pinedale-Antiklinale, einer Sandsteinformation, in der Milliarden Kubikmeter Erdgas lagern. Auf dem Berg sind bereits 700 Bohrlöcher genehmigt worden, von denen 230 die Förderung aufgenommen haben.

Die Gasfelder sind mit einem Netz aus Zufahrtsstraßen und Pipelines überzogen. Beim Flug über den Berg hinweg nach Süden können wir das Jonah Field erkennen, wo sich die Förderanlagen noch dichter drängen. 500 sind bereits in Betrieb, und das BLM würde die Zahl gern noch einmal um 3100 aufstocken. Als wir wieder zur Landepiste in Pinedale zurückfliegen, sagt Gordon: "Das hier ist bloß die Spitze des Eisbergs. In den Rocky Mountains könnte ich eine Stunde lang in jede Richtung fliegen und dauernd Anzeichen für Erdöl - und Erdgaserschließungen sehen. Es wird fast überall danach gebohrt."

Was Gordon unter "fast überall" versteht, entspricht nicht ganz der Auffassung der Energiewirtschaft oder des U. S. Geological Survey (USGS), der Behörde, die die Fundstätten der fossilen Brennstoffschätze erkundet. Für die Förderung von Erdgas hat die USGS in den Rocky Mountains fünf vielversprechende Regionen ausgemacht, darunter auch das Greater-Green-River-Becken in Wyoming. Betroffen sind von New Mexico im Süden bis nach Montana im Norden mehr als 24 Millionen Hektar in Bundes- sowie weitere Millionen Hektar in Staats- und Privatbesitz. In diesen fünf Regionen soll allein unter dem Land, das dem Bund gehört, so viel "technisch abbaubares" Gas lagern, dass damit der heutige Energiebedarf der USA für sechs Jahre gedeckt werden könnte.


(NG, Heft 7 / 2005)
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