Der Geist ist, was das Gehirn tut

Artikel vom 01.03.2005  —  Autor: James Shreeve  —  Bilder: Cary Wolinsky

Die alten Ägypter hielten das Gehirn für so unwichtig, dass sie es vor der Mumifizierung eines Toten durch die Nasenlöcher entfernten. Für sie galt das Herz als Sitz des Bewusstseins, eine Ansicht, die auch Aristoteles und viele mittelalterliche Gelehrte teilten. Selbst als man sich auf den Kopf geeinigt hatte, schien ihnen nicht das Gehirn wichtig zu sein, sondern seine Hohlräume, die Ventrikel, in denen die Lebensgeister herumwirbeln sollten. Noch 1662 höhnte der Philosoph Henry More, das Gehirn zeige "nicht mehr Fähigkeit zum Denken als eine Schüssel Quark".

Etwa zur gleichen Zeit behauptete der französische Philosoph René Descartes, die Fähigkeit des bewussten Denkens habe nichts mit dem Fleischklumpen des Gehirns zu tun. Diese Trennung von Geist und Gehirn - obwohl von den meisten Neurowissenschaftlern heute als überholt angesehen - ist für viele immer noch die Grundlage des Glaubens, es gebe eine spirituell-transzendente Seele. Thomas Willis, ein Zeitgenosse Descartes', behauptete als Erster, dass das Gehirn nicht nur der Sitz des Verstandes sei, sondern dass verschiedene Teile des Gehirns unterschiedliche Wahrnehmungsfunktionen besäßen. Anfang des 19. Jahrhunderts glaubten dann so genannte Phrenologen, dass sich Charaktereigenschaften eines Menschen aus Unebenheiten an seinem Schädel herleiten ließen.

Die Knochenbuckel sollten daher rühren, dass darunter das Gehirn besonders gut entwickelt sei. Man untersuchte Gipsabgüsse der Köpfe hingerichteter Verbrecher, um festzustellen, ob sich bestimmte Höcker mit kriminellen Verhaltensweisen in Verbindung bringen ließen. Obwohl die Phrenologie schon damals geradezu absurd unwissenschaftlich war, behielt sie in einem ganz speziellen Punkt in gewisser Weise Recht. In den letzten zehn Jahren haben neue Techniken zur Beobachtung der Tätigkeit des lebenden Gehirns bestätigt, dass bestimmte Funktionen bestimmten Bereichen zuzuordnen sind. Jener Teil des Gehirns, mit dem man sich beispielsweise eine Telefonnummer merkt, unterscheidet sich von dem, mit dem man sich an ein Gesicht erinnert.

Und der Vorgang, sich das Gesicht eines Prominenten vorzustellen, geschieht in anderen Schaltkreisen als die Vergegenwärtigung des besten Freundes. Immer klarer wird auch, dass Funktionen der Wahrnehmung sich im Gehirn nicht wie Städte auf einer Landkarte festlegen lassen. Eine geistige Aufgabe kann ein kompliziertes Netz aus Zellen einbeziehen, die im Gehirn miteinander agieren - wie Instrumente in einem Orchester, die erst in der Kombination von Tonhöhe, Lautstärke und Klang eine bestimmte musikalische Wirkung erzeugen.

Ein Gehirn ist schön, wunderbarer sogar als sein Besitzer selber, denn erst mit seiner Hilfe nimmt dieser Schönheit überhaupt wahr, erhält er ein Ich und kann sich einen Begriff vom Dasein machen. Doch wie entsteht in dieser Materie aus Eiweiß und Wasser der Geist? Wie lässt uns dieser Fleischbatzen Fragen verstehen und beantworten? Welcher Vorgang verwandelt elektrochemische Energie in das Spüren von Gefühlen? Wie entsteht Erinnerung? Diese Fragen sind natürlich nicht neu. Doch seit einigen Jahren revolutionieren neue Verfahren unser Verständnis von der Beschaffenheit des Gehirns und des von ihm erschaffenen Geistes. Sie machen die Ursprünge des Denkens, der Gefühle und des Verhaltens sichtbar.


(NG, Heft 3 / 2005)
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